Big Pharma in Corona-Zeiten

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Die Herstellung von Impfstoffen und Medikamenten muss unter öffentlicher Kontrolle erfolgen

Angela Bankert

In den aktuellen Meldungen werden die Pharma-Konzerne als Retter in der Corona-Krise gepriesen. Die Bundesregierung spendiert mal flugs 300 Millionen Euro, um in ein Tübinger Pharma-Unternehmen einzusteigen. Da war der Chef des Schweizer Pharmariesen Novartis, Vasant Narasimhan, dann doch ehrlicher. Er entschuldigte die allgemeine Untätigkeit von Big Pharma auf dem Impfsektor mit den Worten: „Wenn diese Epidemien auftreten, gibt es sehr viel Interesse (…), aber danach verliert sich das Interesse wieder, und die Investoren ziehen sich zurück.“1 War da was? Big Pharma in den Corona-Startlöchern? Pharma-Riesen wollen Impfzwang?

Tatsächlich haben die internationalen Konzerne im Bereich Impfstoffe weder großartig geforscht – auch nicht nach den Corona-Vorgänger-Epidemien SARS-1 und MERS – noch haben sie neue Impfstoffe hergestellt. Sie zogen sich auch aus den Bereichen Tropenmedizin, Infektionskrankheiten und anderen Sektoren der Grund lagenforschung weitgehend zurück. In diesen Bereichen sind für Big Pharma die Renditen schlicht nicht ausreichend. Wörtlich sagte im Juni Siegfried Bialojan, Leiter des EY [ehem. Ernst & Young] Life Science Center: „Die großen Pharma-Firmen werden nicht ihre langfristigen Programme stoppen und ihre Hauptaktivität auf Covid-19 verschieben. Pandemien sind als Businessfaktor nicht planbar.“2

Laut Verband der forschenden Pharmaunternehmen gab es 2019 unter den 434 Forschungsprojekten ganze zehn im Bereich Impfstoffe.3 Der Schwerpunkt liegt auf den umsatzstarken sogenannten „Blockbuster-Medikamenten“, wie zum Beispiel Cholesterin-Senkern, Diabetes-Medikamenten und vor allem Krebsmitteln. Solche Blockbuster-Medikamente machen bei den 20 großen Pharmaunternehmen im Schnitt knapp zwei Drittel der Profite aus.4 Wenn allerdings der Schrei der Öffentlichkeit nach dringend notwendigen Präparaten groß ist, dann lässt sich Big Pharma die Forschung und die Bereitstellung von Medikamenten – und dann auch gerne von Impfstoffen – mit Milliardenbeträgen subventionieren: von der WHO, von der EU, von Stiftungen. So fordert der Geschäftsführer der internationalen Impfallianz GAVI, Seth Berkley: Der öffentliche Sektor müsse die Entwicklung, Produktion und Verteilung eines Impfstoffes für eine bestimmte Z eit finanzieren. Danach könne der Impfstoff zurück an kommerzielle Produzenten gehen. Er könne dann mit unterschiedlichen Preisen an die Lage in einzelnen Staaten „angepasst“, aber auch mit einer „vernünftigen Gewinnmarge“ versehen werden.5

Hier kommt die Funktion der von öffentlich-privaten Zusammenschlüssen wie der Impfallianz GAVI, der Forschungsallianz CEPI und privater Stiftungen ins Spiel: Sie haben die Rolle des Brückenbaus zwischen öffentlichen Mitteln und privaten Profiten.

Dabei ist die Weltgesundheitsorganisation WHO weitgehend privatisiert: Sie wird nur noch zu 20 Prozent aus staatlichen Pflichtbeiträgen finanziert, zu 80 Prozent durch freiwillige Beiträge einzelner Staaten, durch Spenden von Pharmakonzernen und von privaten Stiftungen. Die Bill&Melinda-Gates-Stiftung bestreitet rund 10 Prozent des WHO-Haushalts. Diese Spenden sind überwiegend zweckgebunden, so dass die Spendenden die Agenda der WHO maßgeblich bestimmen. Darum fließt ein großer Teil der Mittel in solche Impfprogramme, die für die Pharmaindustrie attraktiv gemacht werden. So garantiert die Impfallianz GAVI Preise und Abnahme für die ersten Chargen eines neuen Impfstoffs.

Dabei streicht die Branche reichlich Profite ein. Im Zeitraum 2000 bis 2018 war der Nettogewinn der Pharma-Unternehmen mit 13,8 Prozent fast doppelt so hoch wie der Nettogewinn nicht-pharmazeutischer Unternehmen mit 7,7 Prozent. Die Preisgestaltung hat mit Herstellungs- oder Forschungskosten wenig bis nichts zu tun. Die pharmazeutische Industrie investiert zwischen 10 bis 15 Prozent ihres Umsatzes in Forschung und Entwicklung. Für Werbung und Marketing geben sie jedoch zwischen 30 und 40 Prozent des Umsatzes aus. Der Schweizer Konzern Novartis gab 2019 für Forschung 9 Milliarden Dollar aus, für Marketing- und Vertriebskosten dagegen 12 Milliarden Dollar.1

Das Weltgesundheitssystem ist krank. Statt Bereicherung der Pharma-Riesen aus den Beiträgen der Krankenversicherungen brauchen wir die Ausrichtung der Pharmaproduktion auf gesellschaftliche Bedürfnisse. Statt Forschungsgeheimnisse ist eine Open-Source-Forschung nötig, die gesellschaftlich finanziert und kontrolliert wird. Statt Extraprofite brauchen wir eine Preisorientierung an den tatsächlichen Forschungs- und Herstellungskosten. Die einzig angemessene Antwort auf die politische Ökonomie des Medikamentengeschäfts ist die Übernahme der Pharmaindustrie in öffentliches Eigentum bei demokratischer gesellschaftlicher Kontrolle. Das gilt insbesondere für lebenswichtige Impfstoffe im Allgemeinen und für einen Impfstoff gegen das Corona-Virus im Besonderen.

Angela Bankert, aktiv in der SAV und der AKL, Mitglied im Kreisvorstand DIE LINKE Köln

Anmerkungen:

1 www.jungewelt.de/artikel/375772.pandemie-und-pharmaindustrie-die-coronakrise-hat-eine-vorgeschichte.html

2 EY Pressemitteilung vom 15. Juni 2020.

3 https://www.vfa.de/de/arzneimittel-forschung/perspektive-2023/neue-medikamente

4 EY-Studie „Die größten Pharmaunternehmen der Welt – Bilanz 2019 (Juni 2020).

5 https://www.sueddeutsche.de/politik/internationale-impfallianz-impfstoff-als-oeffentliches-gut-1.4886266

Der Artikel erschien zuerst in der Zeitung “FaktencheckCorona Nr. 2”: http://www.info-faktencheck.de/wordpress/2020/06/30/big-pharma-in-corona-zeiten/