Corona-Krise – ein feministischer Blick

„Ich bin im ‘Mama Burnout’.”

“Ich [erlebte] mich […] schlagartig als Frau und Mutter in einem Rollenbild gefangen,
das ich in dieser Form immer abgelehnt habe.“

Wir leben in einem von „vielfältigen Achsen der Dominanz durchzogenen und von eklatanter Ungleichheit geprägten weltgesellschaftlichen Kontext“ (Sabine Hark). Da ist Österreich nicht ausgenommen.
Der feministische Blick zeigt Probleme auf, die schon lange in unserer Gesellschaft wirken und zu lösen wären, die aber jetzt zu Coronazeiten besonders sichtbar werden.
Die Corona-Krise führt uns deutlicher vor Augen, wo die Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten liegen, zeigt auf, wie brüchig die Errungenschaften des jahrzehntelangen Bemühens und auch Kampfes von AktivistInnen, Frauenbewegung, feministischer PolitikerInnen und WissenschafterInnen sind.
Die Corona-Krise zeigt uns auch, wo die Wertigkeiten unserer Regierung liegen: Kultur, Bildung, Integration stehen ganz hinten, der Care-Bereich und die Frauenpolitik sowieso an letzter Stelle.

Einige Befunde

homeoffice, homeschooling und Social Distancing in Verbindung mit den Rollenzuschreibungen aus den 50ger Jahren, bedeuten für Frauen eine zusätzliche und neue Dimension der Belastung und Überforderung. Ein „Desaster für den Feminismus“, wie die Autorin Helen Lewis kürzlich schrieb. Die mühsam erkämpfte Partnerschaftlichkeit in modernen (heterosexuellen) Beziehungen, der Fortschritt der Gleichberechtigung ist ein fragiler Konsens. Die Entscheidungen, die Paare dieser Tage fällen müssen, sind so simpel wie hart: Der mit dem höheren Einkommen und dem Vollzeitjob arbeitet, so gut es geht, weiter. Die mit dem Teilzeitjob und dem geringen Einkommen übernimmt noch stärker als bisher die Versorgungsarbeit. Da 79 Prozent aller Teilzeitjobs von Frauen erledigt werden, muss man nicht lange raten, wie die Rollenverteilung aussieht. Hierbei geht es um nüchterne finanzielle Überlegungen – mit weitreichenden Folgen. Alleinerzieherinnen trifft all das noch einmal härter.

Max Preglau hat die Situation analysiert (s. Literatur). Ich zitiere auszugsweise und zusammengefasst:

  • Frauen müssen in ihrer Rolle als Familienversorgerinnen die Ausfallhaftung für die geschlossenen oder auf Notbetrieb umgestellten Kinderbetreuungseinrichtungen übernehmen und werden damit noch stärker auf „Haus und Herd“ zurückgeworfen als bisher.
  • Quarantänemaßnahmen und (Quasi-)Ausgangsverbote verschärfen […] das Risiko der Gewalt in Familien, von der bekanntermaßen wiederum Frauen die Hauptbetroffenen sind.
  • Das Maßnahmenpaket der Regierung und der Sozialpartner für Wirtschaft und Beschäftigung kommt in erster Linie großen Betrieben und gewerkschaftlich gut organisierten „Normalbeschäftigten“ und damit vorzugsweise Männern zu Gute, atypisch Beschäftigte − freie MitarbeiterInnen, WerkvertragsnehmerInnen in Wissenschaft, Kunst und Medien etc. − und damit vorzugsweise Frauen − gehen dabei mehr oder weniger leer aus.
  • Der Familienhärtefonds steht für Kinder von Alleinerziehenden mit wg. Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit des Unterhaltspflichtigen gekürztem Unterhalt nicht zur Verfügung.
  • Auch bei der „Wiederauferstehung Österreichs“ (Kurz) hat offenbar alles von der Wirtschaft bis zum Sport Vorrang vor den Schulen und Kindergärten – und damit vor den Bedürfnissen der durch die Schließungen auf häusliche Versorgungsarbeit zurückgeworfenen Frauen.
  • In der offiziellen Kampagne von Regierung und Rotem Kreuz „Schau auf Dich, schau auf mich“ wird mit einem Familienbild geworben, das das hegemoniale bürgerliche Modell von männlichem Familienernährer und weiblicher Familienversorgerin als Normalität unterstellt.
  • MigrantInnen üben häufig systemerhaltende Tätigkeiten im Supermarkt, bei der Müllabfuhr oder als Reinigungs- und Pflegekräfte aus − das „Team Österreich“ ist überproportional eines mit sogenanntem „Migrationshintergrund“. Sie sind damit auch besonderen Gesundheitsrisiken ausgesetzt.
  • „Undokumentiert“ arbeitende Menschen, v.a. in den Bereichen Tourismus, Gastronomie, Bau, Pflege in Privathaushalten sowie Landwirtschaft, werden als erste gekündigt, haben keinen Zugang zu Kurzarbeit, kein Arbeitslosengeld und sind in der Regel nicht krankenversichert.
  • Ihrer Verdienstmöglichkeiten beraubt und sozial in einer ähnlichen Situation befinden sich übrigens auch zahlreiche SexarbeiterInnen u.a. aus osteuropäischen Ländern.

Einblicke in Lebensrealitäten

Mitarbeiterinnen im AEP über ihre Situation:

„Ich bin im ‚Mama Burnout‘“.

„Ich habe mich mittlerweile von der Idee verabschiedet, dass Frau Mutter sein und gleichzeitig Karriere machen kann. Es wird einem zwar immer eingeredet, dass dies möglich sei, aber wie wir spätestens jetzt gesehen haben, geht das nur, wenn meine Arbeit von anderen Frauen übernommen wird, die das entweder unbezahlt oder schlecht bezahlt machen.“

„Ich wurde nicht dazu geboren, den ganzen Tag allein ein Kleinkind in einer Wohnung ohne Garten zu bespaßen und zu bekochen. Im Grunde genommen wurde niemand dazu geboren.“

„Von heute auf morgen sind auch für uns alle Unterstützungsmöglichkeiten für die Kinderbetreuung weggefallen. Aber da zeitgleich mit Homeschooling und Homeoffice meine Arbeitsmöglichkeiten deutlich reduziert waren und der Betreuungsbedarf zuhause so stieg, erlebte ich mich auch schlagartig als Frau und Mutter in einem Rollenbild gefangen, das ich in dieser Form immer abgelehnt habe und das ich und wir mit viel Aufwand auch mit 3 Kindern stets anders gestaltet habe/n. Dass ich plötzlich keine Wahl mehr hatte und auffangen musste, was aufzufangen war, fand ich für mich wirklich schwierig.“

Ausblick

Wichtig ist während und nach der Krise weiter über die zu Tage geförderten Ungerechtigkeiten zu sprechen und die Debatten über diese Themen nicht abbrechen zu lassen. Eine feministische Perspektive zeigt, in welche Richtung Veränderungen gehen könnten:

  1. Kindergärten und Schulen sind nicht nur Aufbewahrungsorte, sondern wichtige Orte der sozialen Bildung. Mütter sind nicht die Alleinverantwortlichen für die Zukunft unserer Kinder. Jedes Kind – nicht nur das Kind aus der bürgerlichen Kleinfamilie – hat einen Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz. Jedes Kind hat diesen Anspruch, ohne dass die Mutter eine Erwerbstätigkeit nachweisen muss. Schulbesuch ist nicht nur Pflicht sondern ein Recht des Kindes. Bei der Abwägung der gesundheitspolitischen Ziele der Corona-Maßnahmen wurde dies völlig übergangen. Geld und Investitionen wie z.B. für die Wirtschaft fehlten, ja es fand ein Rückzug des Staates aus diesem Politikfeld statt: „Kinder sollten besser daheimbleiben“ war die staatliche Aufforderung.
  2. Die öffentliche Entdeckung der „Systemrelevanz“ von Arbeitsfeldern im Pflege- und Gesundheitsbereich, im Lebensmittelhandel, in der Sozialen Arbeit machte auch deutlich, dass die Tätigkeiten in diesen Arbeitsfeldern zum Großteil von Frauen und Migrantinnen verrichtet werden. Diese Arbeiten werden häufig unter prekären Bedingungen geleistet: Teilzeitarbeit, geringe Entlohnung und schlechte soziale Absicherung (Altersarmut). Übersehen wurde, dass auch die „unsichtbare Arbeit“ im Privaten wie Haushaltsarbeit, Kinderbetreuung, Altenpflege genauso „systemrelevant“ ist. Feministische Forderungen nach Aufwertung, nach gesellschaftlicher Anerkennung, nach besserer Entlohnung all dieser sorgenden, pflegenden, personennahen „Frauenarbeit“ sind dringlicher denn je.
  3. Dringlich sind auch die feministischen Forderungen nach einer Verringerung der Arbeitszeit, die Männern wie Frauen zugute kommt und (nicht nur) zur Erreichung einer gerechteren Aufteilung der Betreuungs- und Hausarbeit dient.
  4. Ausständig ist ebenso eine ernsthafte Diskussion über das bedingungslose Grundeinkommen.

Um Veränderungen zu erreichen, könnten wir alle Forderungen des Frauenvolksbegehrens 2.0 zu Rate ziehen. Diese sind aktuell und brennend wie eh und je.

Literatur

Hark, Sabine. Die Netzwerke des Lebens. Frankfurter Rundschau, 03.04.20.

Lewis, Helen. The Coronavirus is a Disaster for Feminism. The Atlantic, 19.3.2020.

Preglau, Max. Aus meiner wöchentlich aktualisierten Regierungsbeobachtung, s. https://www.uibk.ac.at/soziologie/team/maxpreglau/regierungsbeobachtung/info_fpoe_preglau_max.pdf

Der Artikel erschien erstmals auf der Homepage des AEP https://aep.at/corona-krise-ein-feministischer-blick/