Ideologie und Erkenntnis bei Rosa Luxemburg: Zur Beziehung von Marxismus und Positivismus in der deutschen Sozialdemokratie vor 1914

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von Michael Löwy

Ende des 19. bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts wird der Positivismus in seinen verschiedensten Ausprägungen bei den Akademikern, aber auch bei vielen Politikern, Militärs und Unternehmern zur hegemonialen Ideologie in Europa (und darüber hinaus vor allem auch in Lateinamerika). Er wird auch sehr nachhaltig die Doktrin der Arbeiterbewegung beeinflussen, indem er in das, was gemeinhin als »Marxismus der II. Internationale« bezeichnet wird, eindringt.

Wie Lelio Basso in seiner hervorragenden Einleitung zum Briefwechsel zwischen Kautsky und Luxemburg unterstreicht, sind »der Szientismus, der Rationalismus, der positivistische Naturalismus und der darwinistische Evolutionismus die vorherrschenden Strömungen im Denken dieser Epoche, und in genau diesem Umfeld entsteht der kulturelle Background der marxistischen Epigonen …«.207

Der Einfluss des Positivismus auf die Philosophen, Führungspersönlichkeiten und Ideologen der deutschen Sozialdemokratie manifestiert sich vor allem in zweierlei Gestalt: 1. in Ergänzung zu einer neu- kantianischen, einem ethischen Sozialismus verpflichteten Strömung (siehe Bernstein), und 2. hinsichtlich eines neodarwinistischen – eher antikantianischen – Naturalismus (Kautsky). Wir werden uns bemühen, aufzuzeigen, was diese beiden Strömungen, einmal abgesehen von ihren wirklichen Divergenzen, gemeinsam haben und wie Rosa Luxemburg versuchen wird, diese positivistische Tendenz zu überwinden.

Das entscheidende, die methodologische Dimension dieser Kontroverse betreffende Problem ist unserer Ansicht nach die Beziehung von Wissenschaftlichkeit und Klassenkampf, zwischen dem Standpunkt der sozialen Klassen und der Objektivität der Erkenntnis (in den Gesellschaftswissenschaften).

Ist der Marxismus sowohl eine revolutionäre, die (politische, soziale, moralische etc.) Ideologie einer Klasse formulierende Doktrin als auch eine wissenschaftliche Theorie, die für sich in Anspruch nimmt, die objektive Wahrheit zu lehren? Ist eine von Werturteilen und ideologischen Voraussetzungen freie Sozial Wissenschaft jenseits des Feldes des Klassenkampfes möglich?

Im Mittelpunkt der theoretischen Reflexion von Bernstein stehen eindeutig die positivistischen Konzeptionen der Sozialwissenschaft. Mit der ihm eigenen entwaffnenden Aufrichtigkeit räumt er in einem autobiografischen Text aus dem Jahr 1924 selbst ein: »Meine Art zu denken würde mich eher für die Schule der positivistischen Philosophie und Soziologie qualifiziert haben.«208

Methodologisch gründet Bernsteins Philosophie auf einer erstaunlichen Kombination aus Kant und Comte. Sein Anliegen ist es, den wissenschaftlichen Sozialismus – jene dialektische Synthese von Wissenschaft und Revolution – aufzulösen sowie zu zersetzen, und zwar einerseits in eine von den ewigen Prinzipien der Gerechtigkeit und dem kategorischen Imperativ Kants inspirierte »sozialistische Ethik« (eine These, die auch von mehreren neu-kantianischen, der Sozialdemokratie mehr oder weniger nahestehenden Philosophen geteilt wird, wie z.B. Hermann Cohen, Paul Natorp, Conrad Schmidt, Ludwig Woltmann, Karl Vorländer etc.) und andererseits in eine empirische, neutrale, positive soziale und ökonomische Wissenschaft. Bernstein macht hier die Unterscheidung zwischen (ethi- schen) Werturteilen und (wissenschaftlich-positiven) faktenbezogenen Urteilen – eine Unterscheidung, die ebenfalls vom Positivismus und Kantianismus gefordert wird Marx hingegen habe beide »verwechselt« bzw. »vermischt«.209

Auf der Grundlage dieses Wissenschaftskonzepts wird Bernstein nun den parteiischen und tendenziösen Charakter der Philosophie von Marx kritisieren. In einem Brief an August Bebel vom 20. Oktober 1898 schreibt er, dass »das Kapital trotz seiner Wissenschaftlichkeit letztendlich ein tendenziöses Werk ist, das unvollendet geblieben ist, eben weil – meiner Ansicht nach – der Konflikt zwischen Wissenschaftlichkeit und Tendenz Marx die Arbeit immer schwerer gemacht hat«.210 Eine ähnliche Kritik wird von ihm auch in seinem Aufsehen erregenden Buch Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie aus dem Jahr 1899 formuliert, in dem er den widersprüchlichen Charakter des Ansatzes von Marx unterstreicht, bei dem »die theoretische Erhebung des Sozialismus zur Wissenschaft so häufig in eine Unterordnung der Ansprüche jeder Wissenschaftlichkeit unter die Tendenz >umschlägt<«.211 Dieser Dualismus komme, so Bernstein, auch im Kapital zum Ausdruck, einerseits in den »vorurteilsfreien« Analysen und andererseits in den auf das »sozialistische Endziel« bezogenen Passagen, in denen Marx auf höre, wissenschaftlich zu sein und der »Gefangene einer Doktrin« werde.212

In einem Vortrag aus dem Jahr 1901 geht Bernstein sogar noch weiter, indem er die Möglichkeit eines wissenschaftlichen Sozialismus selbst in Zweifel zieht: »Der Socialismus als Wissenschaft beruft sich auf die Erkenntnis, der Socialismus als Bewegung wird vom Interesse als seinem vornehmsten Motiv geleitet. [.. .].«213 Diese beiden Forderungen sind für ihn jedoch unvereinbar, insofern als Interesse und Erkenntnis sich gegenseitig ausschließen. »Die Wissenschaft ist tendenziös, als Erkenntnis des Tatsächlichen gehört sie keiner Partei oder Klasse an.«214 Wie aber soll der Sozialismus als Doktrin einer Partei, die Ausdruck eines Klasseninteresses sein will, wissenschaftlich sein? Demzufolge schlägt Bernstein vor, die Vokabel »wissenschaftlicher Sozialismus« durch die Vokabel »kritischer Sozialismus« (im kantianischen Sinne des Worts) zu ersetzen. Was die Erkenntnis der sozialen Fakten betrifft, so fällt sie, nach Bernstein, nicht in den Zuständigkeitsbereich des Sozialismus, sondern in den einer wissenschaftlichen Soziologie, deren »Objekt die Gesellschaft, ein lebendiger Organismus ist«215 -, die typische Formel für einen gewissen positivistischen Biologismus, der bei nahezu allen Repräsentanten der akademischen Soziologie dieser Epoche, von Spencer bis Dürkheim, anzutreffen ist. Diese Soziologie soll ebenso ideologisch neutral sein wie die Naturwissenschaften, die sowohl Bernstein als auch der positivistischen Strömung im Allgemeinen als erkenntnistheo- retisches Vorbild dienen.

»Es wird heute niemand einfallen, von einer liberalen Physik, einer sozialistischen Mathematik, einer konservativen Chemie zu sprechen. Aber steht es mit der Wissenschaft der Menschheitsgeschichte und der menschlichen Einrichtungen anders? Ich kann das nicht zugeben und halte eine liberale, konservative oder sozialistische Sozialwissenschaft für einen Widersinn.«216

Kautskys Position ist viel widersprüchlicher, aber sie entgleitet dennoch nicht dem erkenntnistheoretischen Terrain, auf dem Bernstein sich bewegt. Wie Lelio Basso unterstreicht, »war sein Marxismus in Wirklichkeit von einer evolutionistischen Mentalität darwi- nistischer Provenienz und von einem angeblichen wissenschaftlichen Objektivismus geprägt…«217 Wie die Positivisten versucht Kautsky, Natur und Gesellschaft gleichzusetzen, z.B. durch die Feststellung, die Gesetze der Gesellschaft könnten wie die Naturgesetze definiert werden, »denn in ihrem Wesen unterscheiden sie sich nicht« und weil die Gesellschaft wie auch die Natur dem Menschen »als übermächtige Gewalt gegenübersteht], deren Gesetzen er sich nicht entziehen kann«.218 Daraus folgt ganz logisch, dass die Gesell- schaftswissenschaften nichts anderes als »ein besonderes Gebiet der Naturwissenschaften«219 sind.

Wie aber ist nun, ausgehend von diesen Prämissen, das von den Neukantianern und von Bernstein gestellte Problem des Verhältnisses der Werturteile zu den Tatsachenurteilen im Werk von Marx zu lösen?

In seinem Buch Ethik und materialistische Geschichtsauffassung (1906) versucht Kautsky auf diese neukantianischen Thesen zu antworten und Marx gegen den Revisionismus in Schutz zu nehmen. Von Anfang an bewegt er sich in dem Bezugsrahmen der positivistischen Problematik Bernsteins, formuliert jedoch gleichzeitig ein viel positiveres Urteil über Marx’ »Objektivität«. Er unterstreicht – wie Bernstein und die Positivisten im Allgemeinen – die Notwendigkeit einer strikten Trennung der Werturteile (bzw. des »moralischen Ideals«, der »Ethik« etc.) von den Tatsachenurteilen. Für ihn repräsentiert der wissenschaftliche Sozialismus keinerlei »Ideal«, er ist lediglich die wissenschaftliche »Erforschung der Entwicklungs- und Bewegungsgesetze des gesellschaftlichen Organismus«220 (eine, gelinde gesagt, typisch sozial-darwinistische Formulierung). Unter diesen Bedingungen wird das Vorhandensein des sozialistischen Ideals bzw. der revolutionären Ideologie in der Theorie von Marx lediglich als Ausdruck einer menschlichen Schwäche und eines gewiss entschuldbaren und verständlichen psychologischen Defizits interpretiert, das jedoch zur Erlangung einer wirklich wissenschaftlichen Erkenntnis überwunden werden müsse. »Freilich, im Sozialismus ist der Forscher stets auch ein Kämpfer, und der Mensch läßt sich nicht künstlich in zwei Teile zerschneiden, von denen der eine mit dem anderen nichts zu tun hat. So bricht auch zum Beispiel in einem Marx mitunter bei einer wissenschaftlichen Forschung das Wirken eines sittlichen Ideals durch. Aber er ist stets bemüht, und mit Recht, es aus ihr zu verbannen, soweit er vermag. Denn das sittliche Ideal wird in der Wissenschaft zu einer Fehlerquelle, wenn es sich anmaßt, ihr ihre Ziele weisen zu wollen.«221

In dieser Formulierung sind drei »klassische« Leitmotive des Posi- tivismus zu erkennen: 1. die Ideologie ist nichts anderes als ein schädliches Element für den Erkenntnisprozess, 2. die Ideologie kann aus der wissenschaftlichen Erkenntnis der Gesellschaft entfernt werden, 3. ihre Entfernung ist das Werk der Anstrengung, des »guten Willens« des Wissenschaftlers.

Trotz seiner Absicht, Marx verteidigen zu wollen, vertritt Kautsky letztendlich einen Standpunkt, der von dem Bernsteins nicht sehr weit entfernt ist; für ihn war Marx, wie wir bereits sahen, manchmal selbst das Opfer seiner eigenen »Neigungen«, seiner Doktrin geworden. Kautsky gibt seinerseits zu, dass Marx des Öfteren zu sehr seinem eigenen »Ideal« gefolgt sei. Der einzige Unterschied bestehe darin, dass Kautsky Marx’ Bemühungen hervorhebt, dieses störende Element zu eliminieren. In dieser Debatte steht Kautsky offensichtlich auf der Verliererseite. Denn wie die Lektüre des Kapital offenkundig zeigt, versucht Marx niemals ernsthaft, seine ideologischen und politisch-moralischen sowie seine revolutionär- sozialistischen Neigungen aus seinem wissenschaftlichen Werk zu

»verbannen«. Die Neukantianer blieben als Anhänger des »ethischen Sozialismus« erfolglos in ihrem Bemühen, die allgegenwärtige Anwesenheit der Werturteile in den drei Bänden des Kapital herauszustellen. Indem er Marx am positivistischen Maßstab der ideologischen Neutralität des naturwissenschaftlichen Typus misst, muss Kautsky (zumindest implizit) die Bernsteinsche Kritik akzeptieren. Die Frage, bei der er sich jedoch trotz alledem von seinem revisionistischen Gegner unterscheidet, betrifft die Beziehung der [wissenschaftlichen] Erkenntnis zu den sozialen Klassen. Im Gegensatz zu Bernstein leugnet Kautsky nicht die Beziehung der Sozialwissenschaft zum Klassenkampf. In einem sehr interessanten Abschnitt des Buches Ethik und materialistische Geschichtsauffassung geht er sogar so weit zuzugeben, dass der Standpunkt der unterdrückten Klasse (mit ihrer ideologischen und moralischen Dimension) die wissenschaftliche Erkenntnis der Gesellschaft begünstigen kann: »In Gesellschaften, die Klassengegensätze umfassen, bedeutet eine wissenschaftliche Erkenntnis […] meist aber auch die Verletzung der Interessen einzelner Klassen. Wissenschaftliche Erkenntnis finden und verbreiten, die unvereinbar ist mit den Interessen der herrschenden Klassen, heißt diesen den Krieg erklären. Es setzt nicht bloß hohe Intelligenz voraus, sondern auch Kampfesfähigkeit und Kampfeslust, Unabhängigkeit von den herrschenden Klassen, aber auch und vor allem ein starkes sittliches Empfinden: kraftvolle soziale Triebe, einen rücksichtslosen Drang nach Erkenntnis und Verbreitung der Wahrheit, ein heißes Verlangen, den unterdrückten, aufstrebenden Klassen zu dienen.«222

Ist diese Auffassung noch vereinbar mit der weiter oben geäußerten Ansicht von der Notwendigkeit, die Werturteile (»das moralische Ideal«) von der wissenschaftlichen Arbeit »fernzuhalten«? Kautsky versucht, diesem Widerspruch durch eine wohl durchdachte, aber wenig schlüssige Lösung zu entgehen, indem er nach dem von uns schon zitierten Passus (über den Wissenschaftler, der sich in den Dienst der unterdrückten Klassen stellt) in dem darauffolgenden Absatz feststellt:

»Aber auch dieses letztere Verlangen wird irreführend, wenn es nicht bloß negativ auftritt, als Ablehnung der Ansprüche der herrschenden Anschauungen auf Gültigkeit […], sondern wenn es darüber hinaus richtunggebend auftreten und der sozialen Erkenntnis bestimmte Ziele weisen will, deren Erreichung sie zu dienen hat.«223

Unserer Ansicht nach stößt sich seine These an zwei fundamentalen Einwänden:

  1. Wenn sich die eigene Rolle vom Standpunkt der unterdrückten, aber im Aufstieg befindlichen Klasse – das heißt des Proletariats – auf eine streng negative Rolle in der Erkenntnis beschränkt, die in der Ablehnung der vorherrschenden bürgerlichen Doktrin besteht, wie unterscheidet sich diese reine Negativität dann von der anderer sozialer Schichten, die ihrerseits die bürgerliche Weltanschauung ablehnen? Bekanntlich gab es in Deutschland zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine romantisch- antikapitalistische Strömung, deren Erscheinungsform u.a. der von Marx im Kommunistischen Manifest erwähnte »feudale Sozialismus« ist. Warum also sollte Marx’ Theorie wissenschaftlicher sein als die von Adam Müller oder von Friedrich Karl von Savigny (ganz zu schweigen von Joseph de Maistre oder Louis-Ambroise de Bonald), lehnen doch beide die im 19. Jahrhundert vorherrschende liberal-bürgerliche Weltanschauung ab?
  2. Ist die Erkenntnis der Gesellschaft im Werk von Marx nicht ganz und  gar an einem bestimmten Ziel ausgerichtet, nämlich der Emanzipation des Proletariats und dem Aufbau des Sozialismus? Bezweckt sein Studium der ökonomischen Gesetze des Kapitalismus, seine objektive und gründliche wissenschaftliche Analyse nicht gerade die Entdeckung der Bedingungen, unter denen seine Abschaffung möglich ist? Und verfolgt seine Analyse des bürgerlichen Staates nicht das Ziel seiner Beseitigung? Folglich hätte Kautsky eigentlich wie Bernstein den Wesenskern des Werkes von Marx als »tendenziös« in Zweifel ziehen müssen. Und dient übrigens nicht die nicht-marxistische Sozialwissenschaft (bewusst oder unbewusst, direkt oder indirekt) bestimmten Zielen entsprechend der Interessenlage bestimmter sozialer Klassen?224 In seinem Hauptwerk Die Materialistische Geschichtsauffassung aus dem Jahr 1927 wird Kautskys Ansatz wesentlich schlüssiger, da er von nun an explizit behauptet, die materialistische Geschichtsauffassung sei »als rein wissenschaftliche Lehre […] keineswegs an das Proletariat gebunden«.225

Diese These betrifft nicht nur Kautsky exklusiv: Andere Vertreter der »orthodox-marxistischen« Richtung in der deutschen Sozialdemokratie beharren    ebenfalls    auf    der    Trennung    von    »Tatsachenuneilen« und »Wertuneilen« und folglich auch auf der Unterscheidung von Wissenschaft und sozialistischer Ideologie bei Marx. So schrieb z.B. Rudolf Hilferding in dem Vorwon zu seinem Buch Das Finanzkapital (1910) ausdrücklich: »Es ist deshalb eine, wenn auch intra et extra muros weitverbreitete, so doch falsche Auffassung, Marxismus mit Sozialismus schlechthin zu identifizieren. Denn logisch, nur als wissenschaftliches System betrachtet, also abgesehen von seinen historischen Wirkungen, ist Marxismus nur eine Theorie der Bewegungsgesetze der Gesellschaft […]. Aber die Einsicht in die Richtigkeit des Marxismus, die die Einsicht in die Notwendigkeit des So- zialismus einschließt, ist durchaus keine Abgabe von Werturteilen und ebensowenig eine Anweisung zum praktischen Verhalten.«226

Eine noch viel radikalere Version dieses Ansatzes findet sich in einigen Schriften von Max Adler, demzufolge »der Marxismus […] seinem Wesen nach durchaus bloße Wissenschaft [ist] […]• An sich und in erster Linie ist der Marxismus, so wie jede Wissenschaft, völlig unpolitisch, wenn unter diesem Worte eine politische Parteinahme verstanden wird«.227

Eine der ganz wenigen, um nicht zu sagen die einzige marxistische Autorin der Vorweltkriegszeit in Deutschland, die die theoretischen Grundlagen der vorherrschenden positivistischen oder semi- positivistischen Problematiken infrage stellt und dabei eine Reihe von Betrachtungen über eine andere Auffassung des Verhältnisses von Erkenntnis und sozialen Klassen einführt, ist Rosa Luxemburg.

Es stimmt, dass sie niemals ihre Ansichten in dieser Frage systematisch zum Ausdruck gebracht und auch keinen einzigen Text verfasst hat, in dem ihre Auffassungen zur Methode im Allgemeinen und im Besonderen dargestellt und entwickelt werden. Betrachtet man jedoch ihre verschiedenen, über ihr gesamtes Werk verstreuten Bemerkungen zu dieser Frage, so ist in Ansätzen eine zusammenhängende Richtung erkennbar, die sich klar von den anderen unterscheidet, die in den theoretischen Diskussionen der deutschen Sozialdemokratie miteinander im Widerstreit lagen. Der Vergleich ihrer Kritik an Bernstein mit der von Kautsky zur selben Zeit ist sehr instruktiv.

Ihre antirevisionistische Schrift Sozialreform oder Revolution f  aus dem Jahr 1899 enthält den Entwurf einer radikalen Kritik am Szientismus, der vorgibt, über den Parteien und Klassen zu stehen: »Bernstein will auch nichts von einer >Parteiwissenschaft< oder, richtiger, von einer Klassenwissenschaft, ebenso wenig von einem Klassenliberalismus, einer Klassenmoral hören. Er meint eine allgemeinmenschliche, abstrakte Wissenschaft, abstrakten Liberalismus, abstrakte Moral zu vertreten.  Da aber die wirkliche Gesellschaft aus Klassen besteht, die diametral entgegengesetzte Interessen, Bestrebungen und Auffassungen haben, so ist eine allgemeinmenschliche Wissenschaft in sozialen Fragen, ein abstrakter Liberalismus, eine abstrakte Moral vorläufig eine Phantasie, eine Selbsttäuschung. Was Bernstein für seine allgemeinmenschliche Wissenschaft, Demokratie und Moral hält, ist bloß die herrschende, d.h. die bürgerliche Wissenschaft, die bürgerliche Demokratie, die bürgerliche Moral.«228

Für Luxemburg sind folglich nicht nur die moralischen und politischen Ideologien, sondern auch die Sozialwissenschaften unvermeidlich in den Klassenkampf eingebunden. Die Gesellschaftswissenschaft ist notwendig mit dem Standpunkt und den Interessen einer sozialen Klasse verschränkt, sodass nur in einer zukünftigen klassenlosen Gesellschaft von einer nicht- parteiischen, »universell menschlichen« Sozialwissenschaft geträumt werden kann. Infolge der Unterscheidung zwischen Gesellschafts- und Naturwissenschaften befreit sich Rosa Luxemburg einerseits von der positivistischen Hypothek und entgeht andererseits der Gefahr einer übertriebenen Ideologisierung der Naturwissenschaften.

Diese Feststellung ist für sie keineswegs eine Petitio principii. So erbringt sie in ihrer Einführung in die Nationalökonomie den Nachweis, wie sich in einer konkreten Sozialwissenschaft bezüglich aller Probleme, einschließlich derer, die auf den ersten Blick gegenüber den sozialen Kämpfen abstrakt und gleichgültig sind, »die Wege der bürgerlichen und der proletarischen Erkenntnis« scheiden. Das betrifft den Gegensatz von Weltökonomie und »Nationalökonomie«, wie auch den zwischen der geschichtlichen und der naturalistischen Methodik etc. 229

Das bedeutet jedoch nicht, die Methoden der »bürgerlichen Erkenntnis« könnten nicht zu wissenschaftlich bedeutenden Ergebnissen führen. So hebt Luxemburg einmal mehr die Bedeutung und den Wert einiger romantischer Ökonomisten hervor, wie z.B. Sismondi, dessen »ausgezeichnete Klarheit, »Sinn für Widersprüche der kapitalistischen Produktionsweise« und »breite historische Horizonte einer dialektischen Auffassung«230 sie lobt. Sehr charakteristisch für ihre Einstellung zur ökonomischen Romantik ist, dass sie einen Denker wie Sismondi, dessen Werk ganz und gar von der Sehnsucht nach der vorkapitalistischen Vergangenheit bestimmt ist, sogar für bedeutender hält als Ricardo selbst: »Und noch in einem dritten wichtigen Punkte zeigt Sismondi seine Überlegenheit im Vergleiche mit Ricardo: gegenüber dessen roher Borniertheit, für die außer der bürgerlichen Ökonomie überhaupt keine Gesellschaftsformen existieren, vertritt Sismondi die breiten historischen Horizonte einer dialektischen Auffassung.«231 In Wirklichkeit ist Luxemburgs Die Akkumulation des Kapitals ganz und gar auf der »Rehabilitierung« und der kritischen Überwindung der ökonomischen Romantik, und hier vor allem Sismondis, gegründet, die diesbezüglich im Übrigen stark von Marx’ eigenen Bemerkungen beeinflusst sind.

Marx nämlich hält in den Theorien über den Mehrwert Sismondi zugute, sich im Gegensatz zu Ricardo des widersprüchlichen Charakters der kapitalistischen Produktion durchaus bewusst gewesen zu sein, selbst wenn er im Übrigen ein »laudator temporis acti« (lat., Lobredner der vergangenen Zeit) war.232

Angemerkt sei noch, dass Luxemburg Sismondi gegenüber Lenin in Schutz nimmt, dessen verachtenswerte Kritik an der ökonomischen Romantik ihrer Ansicht nach engstirnig und ungerecht ist.233

Natürlich lässt sie keinerlei Zweifel daran, dass Marx’ Werk wesentlich aus der Konfrontation mit den großen klassischen Ökonomen entstanden ist, die, so wie Ricardo selbst, dem aufsteigenden Bürgertum angehörten.

Marx’ Verhältnis zu seinen »klassischen« Vorläufern wird von Luxemburg als eine zugleich komplexe und widersprüchliche Beziehung interpretiert, die von Weiterentwicklungen und Brüchen geprägt ist. Dabei handelt es sich nicht etwa um einen »erkenntnistheoretischen Bruch« zwischen einem rein ideologischen Denken (der Klassiker) und der Marxschen »Wissenschaft« (im Sinne von Althusser), sondern um die Überschreitung der Grenzen der bürgerlichen Wissenschaft durch die »Wortführer des modernen Proletariats«, die »ihre tödlichsten Waffen« aus den wissenschaftlichen Entdeckungen von Smith und Ricardo »entnommen haben«.234 Mit anderen Worten: »Die von Marx entwickelten Gesetze der kapitalistischen Anarchie und ihres künftigen Untergangs sind freilich selbst nur eine Fortsetzung der Nationalökonomie, wie sie von den bürgerlichen Gelehrten geschaffen worden ist, aber eine Fortsetzung, die sich in ihren Schlussergebnissen in schärfsten Gegensatz zu den Ausgangspunkten jener setzt.«235 Diese teilweise Kontinuität zwischen Marx und der bürgerlichen politischen Ökonomie führt implizit zu einem Schlüsselproblem der marxistischen Erkenntnistheorie: der relativen Autonomie der Wissenschaft von der Gesellschaft gegenüber den sozialen Klassen. Darauf werden wir noch zurückkommen.

Wie kam der Marxismus zu dieser Aufhebung (Negation, Aufbewahrung, Erhöhung) der bürgerlichen Wissenschaft? Marx’ Denken repräsentiert »auf dem Gebiete der Philosophie, der Geschichte und der Ökonomie den historischen Standpunkt der Arbeiterklasse«;236 deshalb seien die Marxisten letztendlich die »geistig führenden Ideologen« der Arbeiterklasse.237 Das Wort »Ideologie« ist für Rosa Luxemburg (wie für Lenin) nicht – wie etwa für den jungen Marx der »Deutschen Ideologie« – gleichbedeutend mit einem entstellten und falschen Bild von der Wirklichkeit, sondern es bezeichnet lediglich eine Denkform, die in ihrer Struktur dem Standpunkt einer sozialen Klasse entspricht. Folglich steht es weder zur Wissenschaft noch zur wahren Erkenntnis in Widerspruch.

Rosa Luxemburg zufolge gibt es eine besonders enge Beziehung zwischen der politischen Ökonomie als Wissenschaft und dem modernen Proletariat als revolutionärer Klasse. Eben weil Marx auf dem Standpunkt des revolutionären Proletariats und seiner sozialistischen Ideologie steht und er sich dergestalt auf einer höheren Warte befindet, ist es ihm möglich, mit seiner wissenschaftlichen Analyse des Kapitalismus die »Grenzen der bürgerlichen Wirtschaftsform«238 zu erkennen. Diese topologische Metapher von Rosa Luxemburg ist unserer Ansicht nach eine sehr glückliche Wahl, ermöglicht sie uns doch, die Differenz zwischen der Wissenschaft von Marx und den bürgerlichen Ökonomen zu verstehen. Jedoch nicht etwa als eine Unterscheidung zwischen dem reinen Licht der Wissenschaft und der ideologischen Finsternis, sondern als eine zwischen zwei verschiedenen »Observatorien«, zwei Vorgebirgen, zwei ungleichen Bergen (mit Blick auf dieselbe Landschaft), jeder mit seinem eigenen Blickfeld, eigenen Horizont, von denen der höher gelegene natürlich einen weiteren Blick hat und die Grenzen der niedriger gelegenen Ebenen überschreitet.239

Diese Metapher ermöglicht es auch, zu erkennen, dass ein bürgerlicher Ökonom durchaus in der Lage sein kann, eine ganze Reihe von wissenschaftlichen Wahrheiten innerhalb des von seinem ideologischen Horizont bestimmten Blickfelds zu entdecken, und zwar innerhalb des von seinem (bewussten oder nicht-bewussten) Klassenstandpunkt gebildeten Theoriekonstrukts. Die Wissenschaft von der Ökonomie ist daher absolut nicht auf ihren gesellschaftlichen oder ideologischen Sockel reduzierbar, dieser bestimmt jedoch die von einer bestimmten Klassenperspektive bedingten Grenzen der Erkenntnis.

Darüber hinaus macht Luxemburg den Weg frei für ein Verständnis der konkreten geschichtlichen Bedingungen, die den Vormarsch des Marxismus und dessen Positionen bei der Entwicklung der Wirtschaftswissenschaft erklären: nicht als das wunderbare Fiat Lux (»es werde Licht«) eines vereinzelten Genies, sondern als wissenschaftliche Ausdrucksform eines neuen Klassenstandpunkts, jene des modernen Proletariats, die das  plötzliche Auftauchen eines »höher gelegenen Observatoriums« herbeiführt und die objektive Möglichkeit einer erweiterten und fortgeschritteneren Erkenntnis der gesellschaftlichen Wirklichkeit schafft.

Natürlich wäre die These von der erkenntnistheoretischen Überlegenheit des Proletariats noch zu beweisen, ebenso auch die These, der Marxismus würde sich auf einer höheren Stufe des Wissenschaftsverständnisses bewegen. In ihrer Polemik in Sozialreform oder Revolution f gegen Bernstein steuert Rosa Luxemburg einige wesentliche Elemente zu einer nachvollziehbaren Antwort auf dieses Problem bei:

  1. Der Unterschied zwischen Marx und Ricardo oder Smith beschränkt sich nicht einfach nur auf Antworten auf gemeinsame Fragen, sondern geht noch tiefer: Die von Marx aufgeworfenen Fragen und Probleme selbst sind neu.
  2. Es ist der historizistische Ansatz, seine Erkenntnis der historischen Grenzen des Kapitalismus, seine Überwindung des naturalistischen und festgefahrenen Ansatzes der Klassiker, der es Marx ermöglicht, diese neuen Fragen aufzugreifen und so die »Hieroglyphen« der kapitalistischen Ökonomie zu »entziffern«.
  3. Marx konnte den in den bürgerlichen Theorien völlig unterbelichteten Übergangs- und Verfallscharakter des Kapitals nur dank seiner sozialistisch-proletarischen Perspektive erkennen.
  4. Weit davon entfernt, sich im Widerspruch zur Erkenntnis der Wahrheit zu befinden, begünstigt die sozialistische Ideologie sowie der Klassenstandpunkt des Proletariats das wissenschaftliche Verständnis der Gesellschaft.

Der wissenschaftliche Sozialismus ist das Ergebnis der unauflöslichen dialektischen Einheit dieser beiden Dimensionen.240 Ausgehend von diesen Bemerkungen könnte nun eine Parallele zwischen der Überlegenheit der klassischen politischen Ökonomie über die ökonomischen Theorien des Feudalismus und jener von Marx über die bürgerlichen Ökonomen gezogen werden: in beiden Fällen nämlich hat der Standpunkt der revolutionären Klasse (der Bourgeoisie des 18. und des beginnenden 19. Jahrhunderts, des Proletariats von der Mitte des 19. Jahrhunderts an) eine weitreichendere und wissenschaftlichere Erkenntnis der ökonomischen und sozialen Realitäten sowie die Überwindung der konservativen und geschichtlichen Auffassungen der Ideologen der bestehenden Ordnung begünstigt.

Es muss jedoch unterstrichen werden, dass für Luxemburg das Verhältnis des Proletariats zur Wissenschaft eine Besonderheit aufweist, die es als revolutionäre Klasse kennzeichnet: Weil »(…) die Aufklärung über die Gesetze der gesellschaftlichen Entwicklung für den proletarischen Klassenkampf notwendig war, so hat er in der Sozialwissenschaft befruchtend gewirkt, und das Denkmal dieser proletarischen Geisteskultur ist – die Marxsche Lehre.«241

Unglücklicherweise entwickelt Rosa Luxemburg jedoch nicht den folgenden Gedanken, der unseres Erachtens sehr wichtig ist und es ermöglicht, die Einzigartigkeit des Verhältnisses der Arbeiterklasse zur wissenschaftlichen Wahrheit zu erfassen: Ganz im Gegensatz zur revolutionären Bourgeoisie, die durch die »spontane« Entwicklung des Kapitalismus an die Macht gekommen ist, kann das Proletariat in seinem Kampf nur durch eine bewusste Aktion siegen, was die objektive Kenntnis der gesellschaftlichen Wirklichkeit zur Voraussetzung hat.242

Seit Max Weber bezichtigt die bürgerliche Sozialwissenschaft den Marxismus der Weigerung, seine eigenen Theorien auf sich selbst an- zuwenden, seinen eigenen erkenntnistheoretischen Status zu analysieren und die theoretischen Instrumentarien, die ihm dazu dienen, seine Gegner zu demaskieren, das heißt den historischen Materialismus und die Theorie der Klassenideologien etc., zur Eigenanalyse zu benutzen.

Dieser Vorwurf ist nicht ganz unbegründet angesichts der von Kautsky und einigen anderen Anhängern eines »rein wissenschaftlichen«, um nicht zu sagen »unpolitischen« Marxismus vertretenen Strömungen (siehe Max Adler!). Er ist jedoch gegenstandslos in Bezug auf Rosa Luxemburg, die explizit die sozialen und geschichtlichen Bedingungen des Marxismus beleuchtet und die gerade vorschlägt, die marxistische Methode auf das Werk von Marx anzuwenden. Eben dadurch kommt sie nach ihrem Beharren auf der Historizität aller sozialen, ökonomischen, politischen und ideologischen Phänomene dazu, sich auch Gedanken über die geschichtlichen Grenzen des Marxismus zu machen. Die bürgerlichen Denker, schreibt sie dazu  nicht ohne Ironie, bemühen sich vergeblich, »um ein Mittel der Überwindung der Marxschen Lehre zu finden«; sie bemerken jedoch nicht, »dass das einzige wirkliche Mittel hierfür in dieser Lehre selbst verborgen ist. Durch und durch historisch, beansprucht sie nur eine zeitlich beschränkte Gültigkeit. Durch und durch dialektisch, trägt sie in sich selbst den sicheren Keim ihres Unterganges.«243 Konkret entspricht die Marxsche Theorie »einer bestimmten Periode der wirtschaftlichen und politischen Entwicklung, nämlich des Überganges aus der kapitalistischen in die sozialistische Phase der Geschichte.«244

Erst nach der Verwirklichung des Kommunismus und dem Verschwinden der sozialen Klassen wird es möglich sein, über den vom Marxismus repräsentierten intellektuellen Horizont hinauszugehen.

Diesbezüglich ist es interessant, an einen Abschnitt von Sozialreform oder Revolution? zu erinnern, in dem Rosa Luxemburg gegen Bernstein die Ansicht vertritt, dass eine »allgemeinmenschliche Wissenschaft in sozialen Fragen […] vorläufig eine Phantasie, eine Selbsttäuschung«245 sei. Der Ausdruck »vorläufig« suggeriert für eine klassenlose Gesellschaft die Möglichkeit einer Gesellschaftswissenschaft ohne ideologische Referenzen und ohne Klassenstandpunkt. In dieser Wissenschaft von der kommunistischen Gesellschaft wird das Problem der Objektivität der Erkenntnis radikal neu gestellt.

Diese These von der Historizität des Marxismus wird zu einem späteren Zeitpunkt von anderen marxistischen Denkern wie Lukacs und Gramsci übernommen. In seinen Gefängnisbriefen unterstreicht Gramsci, dass die Philosophie der Praxis »aus ihrer eigenen historizistischen Sicht eine Übergangsphase des philosophischen Denkens«246 sei. Es ist schwierig, zu ergründen, ob Gramsci direkt von den Schriften von Rosa Luxemburg beeinflusst wurde, unleugbar ist dennoch die Verwandtschaft ihrer Problemstellungen.

Althusser, der diesen historizistischen Ansatz ablehnt und dessen Repräsentanten (Rosa Luxemburg ebenso wie Gramsci und Lukacs) als »linksradikale Theoretiker« bezeichnet, verurteilt sich dadurch selbst zu einem       Rückfall       in       die       positivistische       Problematik.    Sein »erkenntnistheoretischer Bruch« zwischen Wissenschaft und Ideologie bringt ihn nicht nur dazu, die Allianz der Wissenschaft von Marx mit seiner sozialistischen Ideologie zu leugnen, sondern auch zu verkünden, dass die Wissenschaft von Marx – wie übrigens jede Gesellschafts- oder Natur-Wissenschaft (Althusser macht da keine Unterscheidung) – »dem gemeinsamen Geschick aller einstigen Geschichte entgeht: dem Geschick des historischen Blocks< der Einheit von Basis und Überbau«.247

Unserer Ansicht nach kann der historische Materialismus nur dann eine schlüssige Erklärungsmethode der Ideologieformen, des Denkens und der gesellschaftlichen Erkenntnis, das heißt eine Methode, die keinerlei Ausnahmen duldet und die sich nicht am Rande der geschichtlich-sozialen Totalität befindet, werden, wenn er sein von Rosa Luxemburg skizziertes dialektisches und historizistisches Selbstverständnis zum Ausgangspunkt nimmt. Jede andere Auffassung könnte nämlich nur zur Folge haben, dass die Wissenschaft von der Gesellschaft im Allgemeinen und der Marxismus im Besonderen aus dem geschichtlichen Prozess und aus der globalen sozialen Bewegung verdrängt werden.

Fußnoten:

207 Lelio Basso, Einleitung zu Rosa Luxemburg, Lettre a Kautsky, Rom 1971, s 14 (eig. Übers.).

208 Eduard Bernstein, Entwicklungsgang eines Sozialisten, Leipzig 1930, S. 40. Pierre Angel spricht bezüglich der philosophischen Konzeptionen Bernsteins von einem teilweise von Kant, Comte und dem liberalen Denken der zeitgenössischen Soziologen beeinflussten eudämonistischen Positivismus. Vgl. Pierre Angel, Eduard Bernstein et Revolution du socialisme allemand, Paris: Didier 1961, S. 206.

209 Bezüglich der Diskussion um die Ethik, die Soziologie und den Sozialismus in jener Epoche vgl. den ausgezeichneten Essay von Lucien Goldmann, Y a-t-il une sociologie marxiste?, in: Recherches dialectiques, Paris: Gallimard 1959; vgl. Arno Münster, L’Ecole de Marbourg. Le neokanttisme de Hermann Cohen. Vers le socialisme ethique?, Paris: Kirne 2004 [Anm. d. Übers.].

210 Eduard Bernstein, Brief an August Bebel vom 20. Oktober 1898, in: Victor Adler, Briefwechsel mit August Bebel und Karl Kautsky sowie Briefe von und an Ignaz Auer, Eduard Bernstein usw. Wien: Verlag der Wiener Volksbuchhandlung 1954, S. 258ff.

211 Eduard Bernstein, Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie, Stuttgart 1899, S. 25.

212 Ebd., S 227

213 Eduard Bernstein, Wie ist wissenschaftlicher Sozialismus möglich?, Berlin 1901, S. 20.

214 Ebd., S 37

215 Ebd., S 33

216 Ebd., S. 32. Siehe zum Vergleich Emile Dürkheim, der unterstreicht, dass die Soziologie »weder individualistisch, noch kommunistisch, noch sozialistisch« ist und »diese Theorien, denen sie keinen wissenschaftlichen Wert zuerkennen kann, prinzipiell […] ignorieren« wird. (Emile Dürkheim, Die Regeln der soziologischen Methode, Frankfurt a.M. 2014, S. 219) Es ist alles andere als Zufall, dass gerade dieser Text Bernsteins mit großer Sympathie von dem positivistischen französischen Ökonomen Leroy-Beaulieu begrüßt wurde, in einem Artikel, der bezeichnenderweise die Überschrift trägt: Devolution du socialisme et la dissolution du socialisme scientifique [Die Entwicklung des Sozialismus und die Auflösung des wissenschaftlichen Sozialismus], in: L’Economiste frangais, Nr. 51, Paris 1901; vgl. Pierre Angel, a.a.O., S. 300

217 Basso, Einleitung zu: Rosa Luxemburg, Lettre a Kautsky, Rom 1971, S 14 (eig. Übers.). Bevor er Marxist wurde, hatte Kautsky 1975 in der Zeitschrift Der Volksstaat eine Darwin und der Sozialismus betitelte Artikelserie veröffentlicht. Bezüglich der Kontinuität der darwinisischen Problematik bei Kautsky vgl. Erich Mathias: Kautsky und der Kautskyantismus in Marximusstudien, Tübingen 1957, S 153.

218 Kautsky, Vermehrung und Entwicklung in Natur und Gesellschaft, Stuttgart 1910, S. 11 f.

219 K. Kautsky, Erinnerungen und Erörterungen, Den Haag 1960, S. 365. 220 Kautsky, Ethik und Materialistische Geschichtsauffassung, Stuttgart 1910, S. 141.

221 Ebd.

222 Kautsky, Ethik und Materialistische Geschichtsauffassung, Stuttgart 1910, S. 142. Vgl. seinen in die gleiche Richtung gehenden Text, in dem Kautsky u.a. feststellt: »Wer auf dem Boden der bürgerlichen Gesellschaft steht, dem sind von diesem Standpunkt aus alle Erkenntnisse unzugänglich, die auf der Grundlage  der von Marx geschaffenen Einheitlichkeit aller Wissenschaft gewonnen werden können. Nur wer sich der bestehenden Gesellschaft kritisch gegenüberstellt, kann zum Begreifen dieser Erkenntnisse gelangen, das heißt, also nur derjenige, der sich auf den Boden des Proletariats stellt. Insofern kann man die proletarische von der bürgerlichen Wissenschaft unterscheiden.« (Karl Kautsky, Die historische Leistung von Karl Marx. Zum 25. Todestage des Meisters, 3. Aufl. Berlin 1933, S. 11)

223 Kautsky, Ethik und Materialistische Geschichtsauffassung, Stuttgart 1910, S. 142.

224 Vgl. Karl Kautsky, Die Materialistische Geschichtsauffassung, II. Band, Berlin 1927, S. 681.

225 Ebd.

226 Rudolf Hilferding, Das Finanzkapital, Berlin 1910, S. 20f.

227 Max Adler, Grundlegung der materialistischen Geschichtsauffassung, Wien 1964, S. 23ff. Max Adlers Positionen vor 1914 sind differenzierter; wie bei Kautsky belegen seine Schriften nach dem Ersten Weltkrieg eine immer stärker werdende Tendenz zum Positivismus.

228 Rosa Luxemburg, Sozialreform oder Revolution?, GW 1.1., S. 438.

229 Rosa Luxemburg, Einführung in die Nationalökonomie, GW 5, S. 579ff.

230 Rosa Luxemburg, Akkumulation des Kapitals, GW 5, S. 157ff.

231 Ebd., S. 172.

232 Marx, Theorien über den Mehrwert, Dritter Teil, MEW 26.3, S. 50.

233 Rosa Luxemburg, Akkumulation des Kapitals, GW 5, S. 154.

234 Ebd., S. 592.

235 Ebd., S. 591.

236 Rosa Luxemburg, Karl Marx, GW 1.2., S. 375 (siehe im Anhang dieses Buches, S. 140).

237 Rosa Luxemburg, Stillstand und Fortschritt im Marxismus, GW 1.2, S. 367

238 Rosa Luxemburg, Aus dem literarischen Nachlass von Karl Marx (1905), GW 1.2, S. 469.

239 Vgl. Michael Löwy, Paysages de la verite (Introduction à une sociologie critique de la connaissance), Paris: Anthropos 1985 (Anm. d. Übers.).

240 Vgl. Rosa Luxemburg, Sozialreform oder Revolution?, GW 1.1, S. 415f.: »Was ist aber der Marxsche Zauberschlüssel, der ihm gerade die innersten Geheimnisse aller kapitalistischen Erscheinungen geöffnet hat, der ihn mit spielender Leichtigkeit Probleme lösen ließ, von denen die größten Geister der bürgerlichen klassischen Ökonomie, wie Smith und Ricardo, nicht einmal die Existenz ahnten? Nichts anderes als die Auffassung von der ganzen kapitalistischen Wirtschaft, als von einer historischen Erscheinung, und zwar nicht nur nach hinten, wie es im besten Falle die klassische Ökonomie verstand, sondern auch nach vorne, nicht nur im Hinblick auf die feudalwirtschaftliche Vergangenheit, sondern namentlich auch im Hinblick auf die sozialistische Zukunft. […] Gerade und nur weil Marx von vornherein als Sozialist, d.h. unter dem geschichtlichen Gesichtspunkte die kapitalistische Wirtschaft ins Auge fasste, konnte er ihre Hieroglyphe entziffern, und weil er den sozialistischen Standpunkt zum Ausgangspunkt der wissenschaftlichen Analyse der bürgerlichen Gesellschaft machte, konnte er umgekehrt den Sozialismus wissenschaftlich begründen.«

241 Rosa Luxemburg, Stillstand und Fortschritt im Marxismus, GW 1.2, S. 207 Lelio Basso, Einleitung zu: Rosa Luxemburg, Lettere a Kautsky, Rom 1971, S. 14 (eig. Übers.).

242 Vgl. Lukacs, Geschichte und Klassenbewusstsein, Neuwied 1968, S. 40.

243 Rosa Luxemburg, Karl Marx (1903), GW 1.2, S. 377.

244 Ebd.

245 Rosa Luxemburg, Sozialreform oder Revolution?, GW 1.1, S. 438.

246 Antonio Gramsci, II materialismo storico e la filosofia di Benedetto Croce, Turin 1948, S. 98 (eig. Übers.).

247 Louis Althusser/Etienne Balibar/Roger Establet/Pierre Macherey/ Jacques Ranciere, Das Kapital lesen. Vollständige und ergänzte Ausgabe mit Retraktationen zum Kapital. Hrsg, von Frieder Otto Wolf unter Mitwirkung von Alexis Petrioli, Münster 2015, S. 348. Zur Revision dieser Auffassungen durch Althusser selbst vgl. seine spätere Schrift: Elemente der Selbstkritik. Übers, und eingeleitet von Peter Schöttler. Westberlin 1975.

Der Aufsatz von Michael Löwy wurde entnommen aus: Rosa Luxemburg – Der zündende Funke der Revolution, S 115 ff. Hamburg 2020.