Kanzelrede von Prof. Dr. Mirjam Zadoff, Direktorin des NS-Dokumentationszentrums München

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“Was hat die Geschichte mit meinem Leben zu tun?” (11. Oktober 2020, Erlöserkirche München-Tutzing)

Kanzelrede – mit Prof. Dr. Mirjam Zadoff

Empathie braucht sich nicht auf

Erinnerung und Gegenwart in Zeiten von Covid19

Wir wünschen dieser Rede unbedingt eine zahlreiche Zuhörerschaft!!!

Meine sehr verehrten Damen und Herren, lieber Herr Dr. Hahn,

es ist mir eine große Freude und Ehre, hier und heute zu Ihnen zu sprechen. Eine Einladung zu einer Kanzelrede bekommt man – oder: frau – nicht jeden Tag. Das ist schon eine schöne Sache.

Es ist – ohne Zweifel – aber auch eine Herausforderung, handelt es sich bei einer Kanzelrede doch um ein ungewöhnliches Genre: angesiedelt zwischen Vortrag und Predigt. Und in meinem Fall – als Historikerin – angesiedelt zwischen Wissenschaft und Auslegung. Oder noch präziser und in Bezug auf unsere Arbeit im NS-Dokumentationszentrum: angesiedelt zwischen dem Wissen um die Vergangenheit und die Vermittlung desselben in unserer Gegenwart.

Die zentrale Leitfrage ist dabei: „Was hat das mit mir zu tun? Was hat das (die Geschichte) mit meinem heutigen Blick auf die Welt zu tun?“ 75 Jahre sind seit dem Ende des Krieges vergangenen, die Stimmen der Zeitzeug*innen werden leiser – erst diese Woche ist eine der sprachmächtigsten von ihnen gestorben: Ruth Klüger. Die Begegnungen mit ihnen, die für viele Menschen eine unmittelbare Berührung mit der Geschichte bedeuteten und bedeuten, werden seltener – besonders jetzt in Zeiten der Pandemie. Und so kommt der Aufgabe, neue Wege zur Vermittlung der Geschichte zu finden, immer größere Bedeutung zu. Ohne Zweifel stehen das Wissen und die Fakten im Zentrum, trotzdem müssen die rein rationalen Zugänge erweitert werden durch individuelle, emotionale, um der Frage „Was hat das mit mir zu tun?“ auch weiterhin Relevanz zu verleihen.

Aktuell erscheint es oft so, als wären Wissenschaft und Emotionen harte Gegenspieler im Kampf um die Deutung der Gegenwart – und der Vergangenheit. Ich spreche von der, vielerorts dominanten Rhetorik des Populismus, die Ängste schürt, entzweit und Menschen, Gruppen gegeneinander aufhetzt, unbequeme Wahrheiten zu Fake News erklärt, Einigkeit und Solidarität als Schwäche. Und Empathie? – Verachtungswürdig. Empathie, die Fähigkeit und Bereitschaft, Empfindungen, Gedanken und Motive einer anderen Person zu erkennen und zu verstehen – oder es zumindest zu versuchen. Denn mehr als eine (als solche reflektierte) Übung kann die Empathie nicht sein. Für das Fortbestehen heterogener, demokratischer Gesellschaften ist sie von essentieller Bedeutung – gerade in einer Zeit, in der in den Blasen und Echoräumen der sozialen Medien derBlick auf die Gesellschaft als Ganzes verloren zu gehen droht.

Das ganze Manuskript der Rede zum Nachlesen und Herunterladen:

https://www.ev-akademie-tutzing.de/wp-content/uploads/2020/10/KanzelredeManuskriptMZadoff.final_.pdf

Einladungstext: https://www.ev-akademie-tutzing.de/was-hat-die-geschichte-mit-meinem-leben-zu-tun/?fbclid=IwAR3Nzo0jNl7x1WZqSQIzGClrPcmsaptliBr0WzZC_J7EOI-TDd95S2XQYBo

Videomitschnitt: https://youtu.be/Pb0teqRaOL0