Indiens Corona-Katastrophe : Ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit

  • Von Arundhati Roy
  • -Aktualisiert am 01.05.2021-18:59

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„Shamshan! Shamshan!“ – Ein Mann in Schutzkleidung blickt auf die Massenverbrennungen von Corona-Toten. Bild: Getty

Nein, Indien kann nicht abgeriegelt werden. Wir brauchen Hilfe. Denn diese Corona-Katastrophe ist auch eine Katastrophe von Modis Politik. Ein Gastbeitrag.

Während eines besonders polarisierenden Wahlkampfes im Bundestaat Uttar Pradesh im Jahr 2017 warf sich der indische Premierminister Narendra Modi ins Getümmel, um Unruhe zu stiften. Auf einem öffentlichen Podium bezichtigte er die staatliche Regierung – die von einer Oppositionspartei geführt wurde –, sie komme allzu sehr der muslimischen Gemeinde entgegen, da sie mehr Mittel für muslimische Friedhöfe (Kabristan) als für hinduistische Verbrennungsstätten für Leichen (Shamshan) ausgebe. Mit seinem üblichen wiehernden Hohnlachen, mit dem er bei jeder spöttischen Bemerkung, jedem gehässigen Wort die Stimme in der Mitte des Satzes anhebt, bevor er sie mit einem drohenden Echo absinken lässt, heizte er die Menge ein. „Wird in einem Dorf ein Kabristan gebaut, sollte dort auch ein Shamshan errichtet werden,” sagte er.

„Shamshan! Shamshan!“, schlug ihm die verzauberte Menge als Echo zurück. Vielleicht ist er jetzt glücklich, dass das gespenstische Bild der Flammen, die aus den Massenbegräbnissen in Indiens Krematorien emporsteigen, die Titelseite der internationalen Zeitungen ziert. Und dass jeder Friedhof und jede Verbrennungsstätte in seinem Land ordnungsgemäß genutzt wird, und zwar im direkten Verhältnis zu den Bevölkerungen, denen sie dienen und weit über ihre Kapazitätsgrenzen hinaus. „Kann Indien mit seinen 1,3 Milliarden Einwohnern abgeriegelt werden?“, lautete die rhetorische Frage der „Washington Post“ vor kurzem in einem Leitartikel über Indiens sich anbahnende Katastrophe und die Schwierigkeit, die neuen, sich schnell ausbreitenden Varianten des Coronavirus innerhalb der Landesgrenzen einzudämmen. „Nicht so einfach“, antwortete die Zeitung. Es ist unwahrscheinlich, dass diese Frage auf dieselbe Art gestellt wurde, als das Coronavirus vor ein paar Monaten in Großbritannien und Europa wütete. Doch wir in Indien haben wenig Recht, daran Anstoß zu nehmen, wenn man sich an die Worte unseres Premierministers auf dem Weltwirtschaftsforum im Januar dieses Jahres erinnert.

Wissenschaftsfeindlichkeit und Hass

Modi sprach dort zu einer Zeit, als die Menschen in Europa und den USA den Höhepunkt der zweiten Welle der Pandemie durchlitten. Er hatte kein einziges Wort des Mitgefühls übrig, nur eine lange, hämische Prahlerei über Indiens Infrastruktur und Vorbereitung auf die Pandemie. Ich habe mir die Rede heruntergeladen, denn ich befürchte, dass sie, wenn die Geschichte durch das Modi-Regime neu geschrieben wird, was bald der Fall sein wird, verschwinden oder schwer zu finden sein könnte. Hier sind einige unbezahlbare Schnipsel daraus:

„Freunde, von den 1,3 Milliarden Indern überbringe ich die Botschaft von Zuversicht, Optimismus und Hoffnung in diesen Zeiten der Besorgnis. … Es wurde prophezeit, dass Indien auf der ganzen Welt das am stärksten von Corona betroffene Land sein würde. Es wurde gesagt, es würde in Indien einen Tsunami von Corona-Infektionen geben; irgendjemand meinte, 700 bis 800 Millionen Inder würden infiziert werden, während andere sagten, zwei Millionen Inder würden sterben.“

„Freunde, es wäre nicht ratsam, den Erfolg Indiens mit dem eines anderen Landes zu vergleichen. Dieses Land, in dem 18 Prozent der Weltbevölkerung leben, hat die Menschheit vor einer großen Katastrophe bewahrt, indem es das Coronavirus so effektiv eingedämmt hat.“

Gefühllose Bildsprache

Modi der Zauberer verbeugt sich, weil er die Menschheit gerettet hat, indem er das Coronavirus im Keim erstickt hat. Jetzt, wo sich herausstellt, dass dies nicht der Fall war, wie können wir uns da beschweren, dass man uns betrachtete, als wären wir radioaktiv? Dass die Grenzen anderer Länder für uns geschlossen und Flüge gestrichen werden? Dass wir mit unserem Virus und unserem Premierminister eingesperrt werden, zusammen mit all der Krankheit, der Wissenschaftsfeindlichkeit, dem Hass und der Idiotie, für die er, seine Partei und ihre Art von Politik stehen?

Krankenhausbetten sind belegt, Ärzte und medizinisches Personal sind am Ende ihrer Kräfte: ein Speisesaal, provisorisch zur Covid-Station umfunktioniert.

Krankenhausbetten sind belegt, Ärzte und medizinisches Personal sind am Ende ihrer Kräfte: ein Speisesaal, provisorisch zur Covid-Station umfunktioniert. : Bild: AFP

Als die erste Corona-Welle nach Indien kam und schließlich im vergangenen Jahr abebbte, gaben sich die Regierung und ihr unterstützendes Kommentariat triumphierend. „Indien hat’s nicht leicht“, twitterte Shekhar Gupta, der Chefredakteur der Online-Nachrichtenseite The Print: „Aber unsere Abflüsse sind nicht mit Leichen verstopft, den Krankenhäusern gehen nicht die Betten aus, noch haben Krematorien und Friedhöfe genügend Holz und Platz. Zu schön, um wahr zu sein? Legen Sie Daten vor, wenn Sie anderer Meinung sind. Es sei denn, Sie glauben, Sie seien Gott.“ Einmal die gefühllose, respektlose Bildsprache beiseite gelassen – brauchten wir einen Gott, der uns sagt, dass die meisten Pandemien eine zweite Welle haben?

Diese Welle wurde vorhergesagt, obwohl ihre Virulenz selbst Wissenschaftler und Virologen überraschte. Wo ist also die covid-spezifische Infrastruktur und die „Volksbewegung“ gegen das Virus, mit der Modi sich in seiner Rede brüstete? Krankenhausbetten sind belegt. Ärzte und medizinisches Personal sind am Ende ihrer Kräfte. Freunde rufen an und berichten von Stationen ohne Personal und mehr toten als lebenden Patienten. Menschen sterben in Krankenhausfluren, auf Straßen und in ihren Häusern. Den Krematorien in Delhi ist das Brennholz ausgegangen. Die Forstbehörde musste eine Sondergenehmigung für das Fällen von Bäumen in der Stadt erteilen. Verzweifelte Menschen benutzen jedes Bisschen Brennholz, das ihnen in die Finger kommt. Parks und Parkplätze werden zu Verbrennungsstätten umfunktioniert. Es ist, als hinge ein unsichtbares UFO am Himmel, das uns die Luft aus den Lungen saugte. Ein Luftangriff, wie wir ihn noch nie erlebt haben.

Sauerstoff ist die neue Währung an Indiens morbider neuer Börse. Hochrangige Politiker, Journalisten, Anwälte – Indiens Elite – flehen auf Twitter um Krankenhausbetten und Sauerstoffflaschen. Der versteckte Markt für Flaschen boomt. Sauerstoffsättigungsgeräte und Medikamente sind schwer zu bekommen.


Auch für andere Dinge gibt es Märkte. Am unteren Ende des freien Marktes steht die Bestechung, um einen letzten Blick auf den geliebten Menschen zu erhaschen, der in der Leichenhalle eines Krankenhauses in einen Sack eingehüllt und mit anderen aufgestapelt wird. Ein Aufpreis für einen Priester, der sich bereit erklärt, die letzten Gebete zu sprechen. Online-Arztpraxen, in denen verzweifelte Familien von skrupellosen Ärzten geschröpft werden. Am oberen Ende müssen Sie vielleicht Ihr Grundstück und Ihr Haus verkaufen und jede letzte Rupie für die Behandlung in einem Privatkrankenhaus aufbrauchen. Allein die Kaution aufzubringen, bevor überhaupt die Zustimmung zur Aufnahme kommt, könnte Ihre Familie um ein paar Generationen zurückwerfen.

Was konnte man mit der Leiche tun?

Nichts davon vermittelt die ganze Tiefe und Bandbreite des Traumas, des Chaos und vor allem der Demütigung, der die Menschen ausgesetzt sind. Was meinem jungen Freund T. passiert ist, ist nur eine von Hunderten, vielleicht Tausenden, ähnlicher Geschichten allein in Delhi. T., in seinen Zwanzigern, lebt in der winzigen Wohnung seiner Eltern in Ghaziabad am Rande von Delhi. Alle drei wurden sie positiv auf das Coronavirus getestet. Seine Mutter war schwerkrank. Da ihre Infektion in die ersten Tage fiel, hatte er das Glück, ein Krankenhausbett für sie zu finden. Sein Vater, der an einer schweren bipolaren Störung leidet, wurde gewalttätig und begann, sich selbst zu verletzen. Er schlief nicht mehr. Er beschmutzte sich. Seine Psychiaterin versuchte online zu helfen, obwohl auch sie von Zeit zu Zeit zusammenbrach, weil ihr Mann gerade an Covid gestorben war. Sie sagte, dass T.s Vater in ein Krankenhaus eingewiesen werden musste, doch da er mit dem Coronavirus infiziert war, bestand keine Chance. Also blieb T. wach, Nacht für Nacht hielt er seinen Vater fest, wusch ihn mit einem Schwamm, putzte ihn ab. Jedes Mal, wenn ich mit ihm sprach, spürte ich, wie mir mein eigener Atem wegblieb. Schließlich kam die Nachricht: „Vater ist tot.“ Er starb nicht an Covid, sondern an massivem Bluthochdruck, ausgelöst durch einen psychischen Zusammenbruch in Folge vollkommener Hilflosigkeit.

Was konnte man mit der Leiche tun? Ich rief verzweifelt jeden an, den ich kannte. Unter denen, die mich zurückriefen, war Anirban Bhattacharya, der mit dem bekannten Sozialaktivisten Harsh Mander zusammenarbeitet. Bhattacharya steht kurz vor einem Prozess wegen Anstiftung zum Aufruhr im Rahmen eines Protests, den er 2016 auf seinem Universitätscampus mitorganisierte. Mander, der sich noch nicht ganz von einem brutalen Fall von Covid im letzten Jahr erholt hat, wird mit Inhaftierung und der Schließung der von ihm geleiteten Waisenhäuser bedroht, nachdem er Menschen mobilisiert hat gegen das Nationale Bürgerregister (NRC) und das im Dezember 2019 verabschiedete Staatsbürgerschaftsänderungsgesetz (CAA), die beide eklatante Diskriminierungen von muslimischen Menschen bedeuten. Mander und Bhattacharya gehören zu den vielen Bürgerinnen und Bürgern, die in Ermangelung jeglicher Staatsgewalt Notfalltelefone und Notdienste eingerichtet haben und sich bei der Organisation von Krankenwagen und der Koordination von Beerdigungen und Leichentransporten verausgaben. Wenn sie tun, was sie tun, sind diese Freiwilligen nicht sicher. In dieser Welle der Pandemie sind es die jungen Menschen, die fallen, die die Intensivstationen füllen. Wenn junge Menschen sterben, verlieren die Älteren unter uns ein wenig ihres Lebenswillens.
T.s Vater wurde eingeäschert. T. und seine Mutter sind dabei, sich zu erholen.

Die Sauerstoffkrise

Die Dinge werden sich irgendwann beruhigen. Natürlich werden sie das. Doch wir wissen nicht, wer von uns diesen Tag erleben wird. Die Reichen werden aufatmen. Die Armen nicht. Im Moment gibt es unter den Kranken und Sterbenden noch eine Restspur von Demokratie. Die Reichen wurden auch zu Fall gebracht. Die Krankenhäuser betteln um Sauerstoff. Einige haben Programme gestartet, durch die Kranke ihren eigenen Sauerstoff mit ins Krankenhaus bringen können. Die Sauerstoffkrise hat zu heftigen, unerhörten Kämpfen zwischen den Bundesstaaten geführt, wobei die politischen Parteien versuchen, die Schuld von sich abzuwenden.

Wohin mit den Leichen? Überall in Delhi brennen die Begräbnisfeuer.

Wohin mit den Leichen? Überall in Delhi brennen die Begräbnisfeuer. : Bild: AP

In der Nacht zum 22. April starben in einem der größten Privatkrankenhäuser Delhis, dem Sir Ganga Ram Hospital, 25 schwerkranke Corona-Patienten, die mit High-Flow-Sauerstoff versorgt wurden. Das Krankenhaus setzte mehrere verzweifelte Notrufe zur Auffüllung der Sauerstoffvorräte ab. Einen Tag später hatte es der Vorstandsvorsitzende des Krankenhauses eilig, die Sache klarzustellen: „Es lässt sich nicht sagen, dass sie aufgrund mangelnder Sauerstoffversorgung gestorben sind.“ Am 24. April starben 25 weitere Patienten, als die Sauerstoffvorräte in einem anderen großen Krankenhaus in Delhi, dem Jaipur Golden, aufgebraucht waren. Am selben Tag sagte Tushar Mehta, Indiens Generalstaatsanwalt, vor dem Obersten Gerichtshof in Delhi für die indische Regierung aus: „Lassen Sie uns versuchen, keine Heulsusen zu sein … bisher haben wir sichergestellt, dass niemand im Land ohne Sauerstoff geblieben ist.“ Ajay Mohan Bisht, der in safranfarbene Roben gehüllte Regierungschef von Uttar Pradesh, der sich Yogi Adityanath nennt, hat erklärt, dass es in keinem Krankenhaus seines Bundesstaates an Sauerstoff mangelt und dass Gerüchtemacher ohne Kaution unter dem National Security Act verhaftet und ihr Eigentum beschlagnahmt werden.

Yogi Adityanath ist kein Mann leerer Drohungen. Siddique Kappan, ein muslimischer Journalist aus Kerala, der monatelang in Uttar Pradesh inhaftiert war, da er mit zwei weiteren Personen in den Bundestaat reiste, um über die Gruppenvergewaltigung und den Mord an einem Dalit-Mädchen im Bezirk Hathras zu berichten, wurde positiv auf Corona getestet und ist schwer krank. In einem verzweifelten Antrag an den Obersten Richter des Obersten Gerichtshofs von Indien sagt seine Frau, ihr Mann liege angekettet „wie ein Tier“ in einem Krankenhausbett im Medical College Hospital in Mathura. (Der Oberste Gerichtshof wies die Landesregierung von Uttar Pradesh nun an, ihn in ein Krankenhaus in Delhi zu verlegen.) Wenn Sie also in Uttar Pradesh leben, scheint die Botschaft zu lauten: Tun Sie sich doch bitte selbst einen Gefallen und sterben Sie, ohne zu klagen.

Die Bedrohung für diejenigen, die sich beklagen, beschränkt sich nicht auf Uttar Pradesh. Ein Sprecher der faschistischen hindu-nationalistischen Organisation Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS) – der Modi und mehrere seiner Minister angehören und die eine eigene bewaffnete Miliz unterhält – warnte, dass „anti-indische Kräfte“ die Krise nutzen würden, um „Negativität“ und „Misstrauen“ zu schüren, und er bat die Medien, eine „positive Atmosphäre“ zu schaffen. Twitter hat ihnen dabei geholfen, indem regierungskritische Accounts deaktiviert wurden.

Sollen wir uns an Zahlen klammern?

Wo sollen wir nach Trost suchen? Nach Wissenschaft? Sollen wir uns an Zahlen klammern? Wie viele Tote? Wie viele Genesene? Wie viele Infizierte? Wann wird der Höhepunkt erreicht sein? Am 27. April lautete die Meldung 323.144 neue Fälle, 2.771 Tote. Die Präzision hat etwas Beruhigendes. Nur – woher wissen wir das? Tests sind schwer zu bekommen, selbst in Delhi. Die Zahl der Covid-Bestattungen auf Friedhöfen und in Krematorien in Kleinstädten lässt auf eine bis zu 30-mal höhere Zahl von Toten schließen als die offizielle Zählung. Ärzte, die außerhalb der Ballungsräume arbeiten, können das bestätigen.
Wenn Delhi zusammenbricht, wie sollen wir uns dann vorstellen, was in Dörfern in Bihar, in Uttar Pradesh, in Madhya Pradesh vor sich geht? Wo zig Millionen Arbeiter aus den Städten, die das Virus in sich tragen, nach Hause zu ihren Familien flüchten, traumatisiert durch die Erinnerung an Modis nationalen Lockdown im Jahr 2020. Es war der härteste Lockdown der Welt, angekündigt mit nur vier Stunden Vorlaufzeit. Er ließ Wanderarbeiter in den Städten stranden, ohne Anstellung, ohne Einkommen für ihre Miete, ohne Essen und ohne Transportmöglichkeiten. Viele mussten Hunderte von Kilometern zu ihren Häusern in weit entfernten Dörfern zu Fuß gehen. Hunderte starben auf dem Weg.

Dieses Mal, obwohl es keinen landesweiten Lockdown gibt, sind die Arbeiter gegangen, solange es noch Transportmöglichkeiten gab, solange noch Züge und Busse fuhren. Sie flüchteten, weil sie wissen, dass sie zwar den Motor der Wirtschaft in diesem riesigen Land bilden, in den Augen dieser Regierung aber einfach nicht existieren, sobald eine Krise kommt. Der diesjährige Exodus führte zu einer anderen Art von Chaos: Es gibt keine Quarantänezentren, in denen die Menschen bleiben können, bevor sie in ihre Dörfer zurückkehren. Es gibt nicht einmal den dürftigen Vorwand, den ländlichen Raum vor dem Virus aus der Stadt schützen zu wollen.

Die Arbeiter sind gegangen, solange es noch Transportmöglichkeiten gab, solange noch Züge und Busse fuhren. Denn in den Augen der Regierung existieren sie nicht.

Die Arbeiter sind gegangen, solange es noch Transportmöglichkeiten gab, solange noch Züge und Busse fuhren. Denn in den Augen der Regierung existieren sie nicht. : Bild: AFP

Dies sind Dörfer, in denen die Menschen an leicht behandelbaren Krankheiten wie Durchfall und Tuberkulose sterben. Wie sollen sie mit Covid zurechtkommen? Stehen ihnen Tests zur Verfügung? Gibt es Krankenhäuser? Gibt es Sauerstoff? Mehr noch als das, gibt es Liebe? Vergessen Sie die Liebe, gibt es überhaupt Besorgnis? Es gibt sie nicht. Denn es gibt nur ein herzförmiges Loch, gefüllt mit kalter Gleichgültigkeit, wo sich Indiens öffentliches Herz befinden sollte.

Meine Hände zittern

Heute früh, am 28. April, kam die Nachricht, dass unser Freund Prabhubhai gestorben ist. Bevor er starb, zeigte er klassische Covid-Symptome. Doch sein Tod wird nicht in der offiziellen Statistik registriert, weil er zu Hause ohne Test oder Behandlung verstarb. Prabhubhai war ein Anhänger der Protestbewegung gegen den Staudamm im Narmada-Tal. Ich war mehrere Male bei ihm zu Hause in Kevadia, wo vor Jahrzehnten die erste Gruppe der einheimischen Stammesangehörigen von ihrem Land vertrieben wurde, um Platz für die Dammbauer und die Offizierskolonie zu schaffen. Vertriebene Familien wie die von Prabhubhai leben immer noch am Rande dieser Kolonie, verarmt und ruhelos; Übertreter auf dem Land, das einst ihnen gehörte.

Es gibt kein Krankenhaus in Kevadia. Es gibt nur die Statue der Einheit, erbaut nach dem Vorbild des Widerstandskämpfers und ersten Vize-Premierministers von Indien, Sardar Vallabhbhai Patel, dessen Name der Staudamm trägt. Mit 182 Metern Höhe ist sie die höchste Statue der Welt und kostete 422 Millionen US-Dollar. Hochgeschwindigkeitsaufzüge im Inneren befördern Touristen nach oben, um den Narmada-Damm aus der Höhe von Sardar Patels Brustkorb aus zu betrachten. Natürlich kann man nicht die Zivilisation des Flusstals sehen, die zerstört in den Tiefen des riesigen Stausees liegt, oder die Geschichten der Menschen hören, die einen der schönsten, bedeutendsten Kämpfe geführt haben, den die Welt je gesehen hat – nicht nur gegen diesen einen Damm, sondern gegen die hingenommenen Vorstellungen davon, was Zivilisation, Glück und Fortschritt bedeutet. Die Statue war Modis Lieblingsprojekt. Er weihte sie im Oktober 2018 ein. Die Freundin, die die Nachricht über Prabhubhai schickte, hatte Jahre als Aktivistin im Protest gegen den Staudamm im Narmada-Tal verbracht. Sie schrieb: „Meine Hände zittern, während ich dies schreibe. Die Situation in und um Kevadia ist düster.“

Nach der Verbrennung bleiben nur Gaben und ein Paar Sandalen: Die krisenerzeugende Maschinerie, die wir unsere Regierung nennen, ist nicht in der Lage, uns aus dieser Katastrophe herauszuführen.

Nach der Verbrennung bleiben nur Gaben und ein Paar Sandalen: Die krisenerzeugende Maschinerie, die wir unsere Regierung nennen, ist nicht in der Lage, uns aus dieser Katastrophe herauszuführen. : Bild: Reuters

Die genauen Zahlen, aus denen sich Indiens Covid-Grafik zusammensetzt, sind wie die Mauer, die in Ahmedabad gebaut wurde, um die Slums zu verbergen, an denen Donald Trump auf seinem Weg zur „Namaste Trump“-Veranstaltung vorbeifahren würde, die Modi im Februar 2020 für ihn ausrichtete. So düster diese Zahlen auch sind, sie geben ein Bild von dem Indien, das wichtig ist, aber sicher nicht von dem Indien, wie es ist. In dem Indien, wie es ist, wird von den Menschen erwartet, dass sie als Hindus wählen, aber als Wegwerfware sterben.

„Lassen Sie uns versuchen, keine Heulsusen zu sein.“

Versuchen Sie, nicht auf die Tatsache zu achten, dass bereits im April 2020 auf die Möglichkeit eines akuten Sauerstoffmangels hingewiesen wurde, und dann noch einmal im November, von einem Komitee, das die Regierung selbst ins Leben rief. Versuchen Sie, sich nicht zu wundern, warum nicht einmal Delhis größte Krankenhäuser ihre eigenen Anlagen zur Sauerstoffherstellung besitzen. Versuchen Sie, sich nicht zu fragen, warum sich der PM Cares Fund – die undurchsichtige Organisation, die vor kurzem den öffentlicheren Prime Minister‘s National Relief Fund ersetzt hat, und die öffentliche Gelder und staatliche Infrastruktur nutzt, jedoch wie eine private Stiftung ohne öffentliche Rechenschaftspflicht agiert – plötzlich der Sauerstoffkrise angenommen hat. Wird Modi jetzt Anteile an unserer Luftzufuhr besitzen? „Lassen Sie uns versuchen, keine Heulsusen zu sein.“

Sie müssen verstehen, dass es für die Modi-Regierung so viele weitaus dringendere Themen gab und gibt, um die sie sich kümmern muss. Die Zerstörung der letzten Überreste der Demokratie, die Verfolgung von nicht-hinduistischen Minderheiten und die Festigung der Grundlagen der Hindu-Nation geben einen unerbittlichen Zeitplan vor. Da wären zum Beispiel massive Gefängniskomplexe, die dringend für die zwei Millionen Menschen in Assam gebaut werden müssen, die dort seit Generationen leben und plötzlich ihrer Staatsbürgerschaft beraubt wurden. (In dieser Angelegenheit stellte sich unser unabhängiges oberstes Gericht auf die Seite der Regierung und billigte das Verhalten der Vandalen). Da wären die Hunderten von Studierenden und Aktivisten sowie junge muslimische Bürger, die als Hauptbeschuldigte des antimuslimischen Pogroms, das sich im vergangenen März im Nordosten Delhis gegen ihre eigene Gemeinschaft richtete, vor Gericht gestellt und inhaftiert wurden. Für Muslime in Indien ist es ein Verbrechen, ermordet zu werden. Ihre Familie wird dafür bezahlen. Da wäre die Einweihung des neuen Ram-Tempels in Ayodhya, errichtet anstelle der Moschee, die von hinduistischen Vandalen unter Aufsicht hochrangiger BJP-Politiker in Schutt und Asche gelegt wurde. (In dieser Angelegenheit entschied unser unabhängiges oberstes Gericht zugunsten der Regierung und der Vandalen). Da wären die umstrittenen neuen Landwirtschaftsgesetze, die verabschiedet werden mussten, um das Agrarwesen stärker zu privatisieren. Die Regierung ging mit Gewalt und Tränengas gegen Hunderttausende von Bauern vor, die sich zu Protesten zusammengeschlossen hatten.

Der Privatsektor wird sich nicht um hungernde, kranke und sterbende Menschen kümmern, die mittellos sind. Diese massive Privatisierung der indischen Gesundheitsversorgung ist ein Verbrechen.

Der Privatsektor wird sich nicht um hungernde, kranke und sterbende Menschen kümmern, die mittellos sind. Diese massive Privatisierung der indischen Gesundheitsversorgung ist ein Verbrechen. : Bild: AP

Und dann wäre da noch der Multi-Multi-Multimillionen-Dollar-Deal für einen großartigen neuen Ersatz für die verblassende Pracht des imperialen Zentrums von Neu-Delhi, der dringend Aufmerksamkeit verdient. Denn wie kann die Regierung des neuen hinduistischen Indiens in alten Gebäuden untergebracht werden? Während Delhi abgeriegelt ist und von der Pandemie heimgesucht wird, haben die Bauarbeiten für das als lebenswichtig deklarierte Projekt „Central Vista“ begonnen. Arbeiter werden herbeigeschafft. Vielleicht können sie die Pläne noch ändern, um ein Krematorium hinzuzufügen.

Außerdem musste die Kumbh Mela organisiert werden, damit sich Millionen hinduistischer Pilger in einer kleinen Stadt zusammenfinden können, um im Ganges zu baden und das Virus gleichmäßig zu verbreiten, sobald sie gesegnet und gereinigt in ihr Zuhause im ganzen Land zurückkehren. Die Kumbh Mela ist weiter im Gang, obwohl Modi vorsichtig angedeutet hat, dass das heilige Bad vielleicht „symbolisch“ wird – was immer das heißt. (Im Gegensatz zu dem, was mit den Teilnehmern einer Konferenz der islamischen Organisation Tablighi Jamaat im letzten Jahr geschah, haben die Medien diesmal keine Kampagne geführt, die die Teilnehmer der Kumbh Mela als „Corona-Dschihadis“ bezeichnete oder sie beschuldigte, Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu begehen.) Auch wären da jene paar tausend Rohingya-Flüchtlinge, die dringend zurück ins völkermörderische Regime in Myanmar abgeschoben werden mussten, vor dem sie geflüchtet waren – während eines anhaltenden Putschs. (Als unser unabhängiges oberstes Gericht in dieser Angelegenheit angerufen wurde, stimmte es wieder einmal mit der Ansicht der Regierung überein.)

Wie Sie also sehen können, war hier alles busy, busy, busy.

Über all diese dringenden Aktivitäten hinaus gilt es, im Bundesstaat Westbengalen eine Wahl zu gewinnen. Dafür war es erforderlich, dass unser Innenminister, der Modi-Mann Amit Shah, seine Kabinettsaufgaben mehr oder weniger aufgab und seine ganze Aufmerksamkeit monatelang auf Bengalen richtete, um die mörderische Propaganda seiner Partei zu verbreiten, um in jeder kleinen Stadt und jedem Dorf Mensch gegen Mensch auszuspielen. Geographisch gesehen ist Westbengalen ein kleiner Bundestaat. Die Wahl hätte an einem einzigen Tag stattfinden können, und in der Vergangenheit war das nicht anders. Doch weil Westbengalen für die BJP Neuland ist, brauchte die Partei Zeit, um ihre Kader, von denen viele nicht aus Bengalen stammen, von Wahlbezirk zu Wahlbezirk zu bewegen, um die Abstimmung zu überwachen. Der Zeitplan der Stimmabgabe wurde in acht Phasen unterteilt, die sich über einen Monat erstreckten und am 29. April abgeschlossen wurden. Als die Zahl der Corona-Infektionen zunahm, baten die anderen politischen Parteien die Wahlkommission, diesen Zeitplan zu überdenken. Die Kommission weigerte sich und schlug sich eindeutig auf die Seite der BJP, woraufhin der Wahlkampf weiterlief. Wer hat nicht die Videos gesehen, in denen der Star der BJP, der Premierminister selbst, triumphierend und ohne Maske zu den maskenlosen Massen sprach und den Menschen dafür dankte, dass sie in beispielloser Zahl erschienen waren? Das war am 17. April, als die offizielle Zahl der täglichen Neuinfektionen bereits auf über 200.000 hochgeschnellt war.

Mehrere Corona-Patienten sind infolge eines undichten Sauerstofftanks in einem indischen Krankenhaus gestorben, die Versorgung mit dem lebenswichtigen Gas wurde unterbrochen.

Mehrere Corona-Patienten sind infolge eines undichten Sauerstofftanks in einem indischen Krankenhaus gestorben, die Versorgung mit dem lebenswichtigen Gas wurde unterbrochen. : Bild: dpa

Nun, vor Ende der Stimmabgabe, stand Bengalen kurz davor, zum neuen Corona-Kessel hochzukochen, mit einer neuen dreifach mutierten Variante, bekannt als – raten Sie mal – die „bengalische Variante“. Zeitungen berichten, dass jede zweite getestete Person in der Hauptstadt des Bundesstaates, Kolkata, positiv ist. Die BJP hat erklärt, dass sie im Falle eines Sieges in Bengalen dafür sorgen wird, dass die Menschen kostenlose Impfungen erhalten werden. Und wenn sie nicht gewinnt?

„Lassen Sie uns versuchen, keine Heulsuse zu sein.“

Was ist mit den Impfstoffen?

Wie dem auch sei, was ist mit den Impfstoffen? Die werden uns doch sicher retten? Ist Indien nicht ein Kraftzentrum für Impfstoffe? Tatsächlich ist die indische Regierung vollends abhängig von zwei Herstellern, dem Serum Institute of India (SII) und Bharat Biotech. Beiden wird erlaubt, zwei der teuersten Impfstoffe der Welt an die ärmsten Menschen der Welt zu liefern. Diese Woche gaben sie bekannt, dass sie an private Krankenhäuser zu einem leicht erhöhten Preis und zu einem etwas niedrigeren Preis an die Landesregierungen verkaufen werden. Überschlagsrechnungen zeigen, dass die Impfstofffirmen wahrscheinlich obszöne Gewinne machen werden.

Überschlagsrechnungen zeigen, dass die Impfstofffirmen wahrscheinlich obszöne Gewinne machen werden: Impfzentrum in Neu-Delhi.

Überschlagsrechnungen zeigen, dass die Impfstofffirmen wahrscheinlich obszöne Gewinne machen werden: Impfzentrum in Neu-Delhi. : Bild: AFP

Unter Modi wurde Indiens Wirtschaft ausgeschlachtet, und Hunderte Millionen Menschen, die ohnehin schon in prekären Verhältnissen lebten, wurden in bittere Armut gestürzt. Um zu überleben ist eine große Anzahl von Menschen nun auf die mageren Einkünfte des National Rural Employment Guarantee Act (NREGA) angewiesen, der 2005 eingeführt wurde, als die Congress Party an der Macht war. Es ist nicht davon auszugehen, dass Familien, die am Rande des Verhungerns stehen, den größten Teil eines Monatseinkommens bezahlen werden, um sich impfen zu lassen. In Großbritannien sind Impfungen kostenfrei und ein Grundrecht. Wer versucht, sich unberechtigterweise impfen zu lassen, kann strafrechtlich verfolgt werden. In Indien scheint der Hauptgrund für die Impfkampagne der Profit der Unternehmen zu sein.

Während sich diese epische Katastrophe auf unseren Modi-freundlichen indischen Fernsehkanälen abspielt, lässt sich feststellen, dass alle mit einer einzigen gleichgeschalteten Stimme sprechen. Das „System“ ist zusammengebrochen, sagen sie, wieder und wieder. Das Virus hat Indiens Gesundheits-„System“ überwältigt.

Die Regierung hat versagt

Das System ist nicht zusammengebrochen. Das „System“ existierte kaum. Die Regierung – die jetzige wie die vorige Regierung der Congress Party – hat das wenige, was an medizinischer Infrastruktur vorhanden war, vorsätzlich demontiert. Das ist es, was geschieht, wenn eine Pandemie ein Land mit einem kaum existenten öffentlichen Gesundheitssystem trifft. Indien gibt etwa 1,25 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für Gesundheit aus, weit weniger als die meisten Länder der Welt, selbst die ärmsten. Doch sogar diese Zahl gilt als aufgeblasen, weil Dinge mit eingerechnet wurden, die zwar wichtig sind, aber nicht unbedingt zur Gesundheitsversorgung zählen. Man schätzt, dass die tatsächliche Zahl eher bei 0,34 Prozent liegt. Die Tragödie ist, dass in diesem verheerend armen Land — wie eine Lancet-Studie aus dem Jahr 2016 belegt — 78 Prozent der Gesundheitsversorgung in städtischen Gebieten und Prozent in ländlichen Gebieten inzwischen vom privaten Sektor übernommen werden. Die Ressourcen, die im öffentlichen Sektor verbleiben, werden von einem Geflecht aus korrupten Bürokraten und Ärzten, gefälschten Überweisungen und Versicherungsbetrug systematisch in den privaten Sektor umgeleitet.

Wer kann sich schon um das Gesundheitssystem kümmern, wenn Staudämme eingeweiht werden müssen? Premierminister Modi in Gujarat.

Wer kann sich schon um das Gesundheitssystem kümmern, wenn Staudämme eingeweiht werden müssen? Premierminister Modi in Gujarat. : Bild: EPA

Gesundheitsversorgung ist ein Grundrecht. Der Privatsektor wird sich nicht um hungernde, kranke und sterbende Menschen kümmern, die mittellos sind. Diese massive Privatisierung der indischen Gesundheitsversorgung ist ein Verbrechen.

Das System ist nicht zusammengebrochen. Die Regierung hat versagt. Vielleicht ist „versagt“ noch zu ungenau, denn was wir hier erleben, ist keine kriminelle Nachlässigkeit, sondern ein regelrechtes Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Virologen sagen voraus, dass die Zahl der Fälle in Indien exponentiell auf mehr als 500.000 pro Tag ansteigen wird. Sie sagen den Tod von vielen Hunderttausenden in den kommenden Monaten voraus, vielleicht sogar mehr. Meine Freunde und ich haben uns darauf geeinigt, uns jeden Tag gegenseitig anzurufen, um unsere Anwesenheit zu markieren, wie beim Appell in unseren Schulklassen. Mit unseren geliebten Menschen sprechen wir unter Tränen und mit Bangen, weil wir nicht wissen, ob wir uns jemals wiedersehen werden. Wir schreiben, wir arbeiten, ohne zu wissen, ob wir leben werden, um das zu beenden, was wir begonnen haben. Ohne zu wissen, welches Grauen und welche Demütigung uns erwartet. Die Demütigung, die all das mit sich bringt. Das ist es, was uns kaputtmacht.

Modi muss zurücktreten

In den sozialen Medien trendet der Hashtag #ModiMustResign, Modi muss zurücktreten. Einige der Memes und Illustrationen zeigen Modi mit einem Haufen von Totenköpfen, die hinter dem Vorhang seines Bartes hervorlugen. Modi der Messias, der auf einer öffentlichen Kundgebung spricht, die nur aus Leichen besteht. Modi und Amit Shah als Geier, die den Horizont nach Leichen scannen, um ihre Stimmen abzugreifen. Doch das ist nur ein Teil der Geschichte. Der andere Teil ist, dass der Mann ohne Gefühle, der Mann mit den leeren Augen und dem freudlosen Lächeln, wie so viele Tyrannen in der Vergangenheit, fähig ist, leidenschaftliche Gefühle in anderen zu wecken. Seine Pathologie ist ansteckend. Und das ist es, was ihn hervorhebt. In Nordindien, wo seine größte Wählerschaft lebt, die durch ihre schiere Anzahl über das politische Schicksal des Landes entscheidet, scheint sich der von ihm verursachte Schmerz in eine seltsame Freude zu verwandeln.

Erschöpftes Krankenhauspersonal: Das System ist nicht kaputt, es existierte kaum.

Erschöpftes Krankenhauspersonal: Das System ist nicht kaputt, es existierte kaum. : Bild: EPA

Frederick Douglass hat es richtig gesagt: „Die Grenzen von Tyrannen werden durch die Ausdauer derer gezogen, die sie unterdrücken.“ Wie stolz sind wir in Indien auf unsere Fähigkeit, ausdauernd zu ertragen. Wie schön haben wir uns darin geübt, zu meditieren, uns nach innen zu wenden, unsere Wut zu exorzieren und noch unsere Unfähigkeit für Gleichheit zu rechtfertigen. Wie sanftmütig wir unsere Demütigung umarmen.

Als er 2001 seinen politischen Einstand als Gujarats neuer Regierungschef gab, sicherte sich Modi seinen Platz in der Nachwelt durch das, was als Gujarat-Pogrom 2002 bekannt geworden ist. Binnen weniger Tage ermordeten, vergewaltigten und verbrannten hinduistische Bürgerwehren unter Beobachtung und manchmal mit tatkräftiger Unterstützung der Polizei von Gujarat Tausende Muslime bei lebendigem Leib, als „Vergeltung“ für einen grausamen Brandanschlag auf einen Personenzug, bei dem mehr als 50 hinduistische Pilger bei lebendigem Leib verbrannten. Als die Gewalt abflaute, rief Modi, der bis dahin nur von seiner Partei zum Regierungschef ernannt worden war, zu vorgezogenen Wahlen auf. Die Kampagne, in der er als Hindu Hriday Samrat („Der Kaiser der Hindu-Herzen“) stilisiert wurde, brachte ihm einen Erdrutschsieg ein. Modi hat seitdem keine Wahl mehr verloren.

Kollaboration mit den Zerstörern der Demokratie

Einige der Mörder des Gujrat-Pogroms wurden später von dem Journalisten Ashish Khetan auf Kamera festgehalten, wie sie damit prahlten, Menschen zu Tode gehackt, schwangeren Frauen die Bäuche aufgeschlitzt und die Köpfe von Säuglingen gegen Felsen geschlagen zu haben. Sie sagten, sie hatten, was sie getan haben, nur tun können, weil Modi ihr Regierungschef war. Das Filmmaterial wurde im nationalen Fernsehen ausgestrahlt. Während Modi an der Macht blieb, trat Khetan, dessen Filmmaterial den Gerichten vorgelegt und forensisch untersucht wurde, mehrmals als Zeuge auf. Im Laufe der Zeit wurden einige der Mörder verhaftet und sitzen im Gefängnis, doch viele blieben auf freiem Fuß. In seinem jüngsten Buch Undercover: My Journey Into the Darkness of Hindutva beschreibt Khetan detailliert, wie während Modis Amtszeit als Regierungschef die Polizei von Gujarat, Richter, Anwälte, Staatsanwälte und Untersuchungsausschüsse zusammenarbeiteten, um Beweise zu manipulieren, Zeugen einzuschüchtern und Richter zu versetzen.

 Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy.

Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy. : Bild: Picture Alliance

Obwohl all dies bekannt war, leisteten viele der sogenannten öffentlichen Intellektuellen Indiens, die CEOs der großen Unternehmen und die Medienhäuser, die ihnen gehören, Schwerstarbeit, um Modis Weg ins Premierministeramt zu ebnen. Sie demütigten und beschimpften diejenigen von uns, die auf ihrer Kritik beharrten. „Lasst es gut sein“, war ihr Mantra. Selbst heute mildern sie ihre harschen Worte für Modi mit Lob für seine rhetorischen Fähigkeiten und seine „harte Arbeit“ ab. Ihre Denunziation und schikanöse Verachtung für Politiker der Oppositionsparteien ist viel schriller. Ihre besondere Verachtung gilt Rahul Gandhi von der Congress Party, dem einzigen Politiker, der konsequent vor der kommenden Covid-Krise gewarnt und die Regierung wiederholt aufgefordert hat, sich so gut wie möglich zu wappnen. Die Regierungspartei bei ihrer Kampagne zur Zerstörung aller Oppositionsparteien zu unterstützen, kommt einer Kollaboration mit den Zerstörern der Demokratie gleich.

Indien kann nicht abgeriegelt werden

Hier sind wir nun also, in der Hölle ihrer gemeinsamen Anstrengungen, wo jede unabhängige Institution, die für das Funktionieren einer Demokratie wesentlich ist, kompromittiert und ausgehöhlt dasteht, während ein Virus außer Kontrolle geraten ist. Die krisenerzeugende Maschinerie, die wir unsere Regierung nennen, ist nicht in der Lage, uns aus dieser Katastrophe herauszuführen. Nicht zuletzt, weil in dieser Regierung alle Entscheidungen von einem einzigen Mann getroffen werden, und dieser Mann ist gefährlich – und nicht sehr klug. Dieses Virus ist ein internationales Problem. Um es zu besiegen, muss die Entscheidungsfindung, zumindest was die Kontrolle und Verwaltung der Pandemie betrifft, in die Hände eines überparteilichen Gremiums gelegt werden, das aus Mitgliedern der Regierungspartei, der Opposition und Experten für Gesundheit und Staatstätigkeit besteht.

Was Modi angeht, kann man von Verbrechen zurücktreten wie von einem Amt? Vielleicht könnte er einfach mal eine Weile aufhören — eine Pause von all seiner harten Arbeit machen. Es gibt da diese 564 Millionen Dollar teure Boeing 777, die Air India One, maßgeschneidert für VVIP-Reisen – für ihn, um genau zu sein –, und diese Maschine steht jetzt schon eine geraume Zeit ungenutzt auf dem Rollfeld. Er und seine Gefolgsleute könnten einfach abhauen. Der Rest von uns wird alles tun, was wir können, um aufzuräumen, was sie angerichtet haben.
Nein, Indien kann nicht abgeriegelt werden. Wir brauchen Hilfe.

Aus dem Englischen von Jan Wilm

Die indische Schriftstellerin, Drehbuchautorin und politische Aktivistin Arundhati Roy gehört zu den wichtigsten Stimmen der Gegenwart. Der Beitrag erschien zuerst im „Guardian“. Im Oktober kommt ihr Essay-Band „Azadi heißt Freiheit“ im Verlag S. Fischer heraus.

Aus: FAZ vom 1.5.21 https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/arundhati-roy-ueber-indiens-corona-katstrophe-17321110.html