Who cares?

In der aktuellen Krise nehmen Staaten Geld in die Hand, unvorstellbar viel Geld. Das nach langen Jahren des neoliberalen Sparkredos, wo der schlanke Staat als Ziel proklamiert wurde, oder um mit Kurz zu sprechen, das „Sparen im System“. Staaten sollten immer weniger für ihre unmittelbaren Aufgaben ausgeben (Bildung, Soziales, Gesundheit – im Gegensatz zu Militär, Polizei, Überwachung und PR-Abteilung für Eigenwerbung). Stattdessen sollten Steuern gesenkt werden, vor allem Steuern auf Gewinne, Kapitalerträge und Spekulationen.

Was dabei immer mehr unter Druck geriet ist das Einkommen, das durch Arbeit erzielt werden kann, dem wird, neben den Steuern auf Konsum, die ganze Last zur Erhaltung des Staates aufgebürdet. Seit den 80er Jahren gab es in vielen Bereichen Reallohnverluste, die Ausgaben für Wohnen steigen exorbitant und viele Arbeitnehmer*innen können sich von ihrer Arbeit immer weniger leisten bzw. sind sogar auf staatliche Transferleistungen angewiesen, obwohl sie arbeiten.

Besonders krass zeigt sich diese Entwicklung in den Bereichen, die neuerdings als systemerhaltend gepriesen und beklatscht werden, in der Produktion und Verteilung von Lebensmitteln, in der Pflege, in der Versorgung anderer Menschen – in der Care-Arbeit.

Wer leistet diese Arbeit hauptsächlich? In welchen Branchen bekommt mensch wenig oder sogar keinen Lohn? Was wird als selbstverständliche menschliche, nein weibliche, Leistung für andere gesehen, wo der Lohn doch der Dank der eigenen “Lieben” ist?

Care- oder Reproduktionsarbeit wird inzwischen zwar zum Teil bezahlt, der Lohn ist aber, im Vergleich zum Produktionssektor, durchgehend niedrig. Arbeitsplätze in der Produktion gehen seit Jahren zunehmend verloren und immer mehr Menschen wechseln in den Reproduktionsbereich und müssen Reallohnverluste hinnehmen. Die Arbeit mit und für Menschen ist in unserer Gesellschaft wenig bis gar nichts wert. Sie wird weiterhin überwiegend von Frauen* geleistet. Zusätzlich schultern Frauen* auch noch die unbezahlte Care-Arbeit und so passiert es immer wieder, dass Frauen* nach einem arbeitsreichen Leben mit sehr wenig oder gar ohne Pension dastehen.

In der Coronakrise werden diese Frauen* beklatscht, sie dürfen, nein müssen, weiterhin zur Arbeit gehen, sich der Gefahr einer Infektion aussetzen, Überstunden machen und zusätzlich noch ihre Kinder beim Homeschooling beaufsichtigen. In ihrer Freizeit (sic!) dürfen sie aus kleinen Wohnungen nicht auf Spielplätze, sie dürfen keine Öffis benützen, obwohl sie kein Auto haben, usw. Sie dürfen auch mit Sonderzügen und Sonderflügen aus den Nachbarländern kommen, um hier ihre Arbeitskraft für billiges Geld zur Verfügung zu stellen, sei es in der Landwirtschaft oder der Pflege unter arbeitsrechtlich desaströsen Bedingungen. Diese strukturellen Ungerechtigkeiten und Diskriminierungen werden in der Art, wie die Gesundheitskrise angegangen wird, noch verschärft. Die Lasten werden einseitig den Lohnabhängigen und insbesondere den Frauen aufgeladen.

Wenn jetzt über Rettungspakete gesprochen wird: Welche Bereiche werden mit wieviel Geld gerettet? Was ist unserer Gesellschaft wieviel wert? Wo liegt unsere Zukunft?

Die Wirtschaftskammer warb mit dem Slogan: “Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut!” Ich frage mich: Warum lassen wir uns das wider besseres Wissen weiterhin einreden?

Und wer soll dann für den riesigen öffentlichen Schuldenberg aufkommen, wenn die österreichische Regierung jede Besteuerung von Millionenschenkungen und –erbschaften, ebenso die Verpflichtung von multinationalen Konzernen zur Steuertransparenz abblockt, dafür aber Steueroasen weiterhin offenhält?

Um unseren Planeten und unser Zusammenleben zu retten müssen wir:

  1. Das Wohlergehen von Mensch, Tier und Umwelt zur handlungsleitenden Prämisse machen.
  2. Das Verhältnis von produktiver und reproduktiver Arbeit umdrehen, was Arbeitszeit, Bezahlung und Wertschätzung betrifft.
  3. Patriarchale Verhältnisse radikal in Frage stellen.
  4. Die Arbeitszeit radikal kürzen und die Löhne/ Gehälter solidarisch anheben.
  5. (Re)Produktionsbereiche von gesamtgesellschaftlichem Interesse vergesellschaften, statt sie weiterhin zu privatisieren.
  6. Umweltschädigende Investitionen in die Ölindustrie, den Auto-basierten Verkehr, den fossilen oder atomaren Energiesektor, die Finanzindustrie, den Rüstungssektor, die Werbung und in den Konsum beenden.
  7. Neue Ideen zur demokratischen Mitbestimmung entwickeln. Die repräsentative Demokratie in der heutigen Form lebt von Lobbyismus und Korruption.
  8. Internationale Solidarität in die Tat umzusetzen statt globalisierte Ausbeutung und Nationalismus anzuheizen.

Nützen wir die Coronakrise als Chance.